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Evelyn Schlag: In den Kriegen

Roman.
Wien: Hollitzer Verlag, 2022.
244 Seiten: Hardcover; EUR 22,00.
ISBN 978-3-99012-969-2.

Evelyn Schlag

Leseprobe

"In den Kriegen", der neue Roman von Evelyn Schlag, ist, wie im Klappentext präzise erfasst, "ein pazifistischer Roman über den Krieg", oder auch ein hochpoetischer, stimmungsvoller und ins Phantastische gleitender Text, der sich neben dem Krieg her, knapp am Krieg vorbei, jenseits des Kriegs und doch immer wieder mitten im Krieg bewegt. Dabei ist erst einmal klarzustellen, dass der Roman wenige Wochen vor der russischen Invasion der Ukraine erschienen ist und hier mit dem Krieg auf ukrainischem Gebiet noch die "kleinen Kriege" irgendwo weit im Osten der Ukraine gemeint sind, die durchschnittlichen deutschsprachigen Nachrichtenleser:innen wie der interessierten Literaturbeobachterin bestenfalls schon einmal irgendwo untergekommen waren. Doch so leicht macht es uns die Autorin nicht: Die Handlung beginnt in einer "Stadt", es ist eine ukrainische Stadt, aber ob sie im Osten oder Westen liegt, soll sich erst im Laufe der Lektüre erschließen. Genauso wenig benannt wird das Meer, das am Ende der Reise steht, und ebenso wenig ist gesichert, dass es sich bei der Halbinsel, dem lang ersehnten Ziel einer Wallfahrt der besonderen Art, um die Krim handeln muss.

Auf die Reise machen sich vier junge Leute, eine Frau und drei Männer, keiner älter als fünfundzwanzig. Der Ich-Erzähler Jens, ein Norddeutscher, und sein Kriegskamerad Iwo, ein Bayer, haben bereits als Freiwillige bzw. Söldner bei der ukrainischen Armee gekämpft (an einer Stelle wird unglücklicherweise von "den Nationalisten" gesprochen, aber das ist als reines Ausdrucksversehen zu werten). Jeder hat seine Gründe, sich für diesen Einsatz gemeldet zu haben; bei Jens (später immer öfter Jensi genannt) kommt zu seinem unrühmlichen Rauswurf aus der Bundeswehr auch der Wunsch, sich auf die Spuren seines von ihm verabscheuten Urgroßvaters ("der olle Krüger") zu machen, der als SS-Soldat genau in dieser Region an den Erschießungen von Juden beteiligt war. Die beiden jungen Deutschen entschließen sich zu einer Art Urlaub, als Andrij, ihr ukrainischer Kamerad, bei einem Einsatz ums Leben kommt. Dessen letztem Wunsch entsprechend, besucht Jens Andrijs Verlobte Tanja. Nach wenigen Tagen lernen die beiden deutschen Soldaten, die in der Öffentlichkeit ihren Dienst vorsichtshalber lieber verschweigen, in einem Lokal in der "Stadt" den einheimischen Dichter Vitalij kennen. Nachdem Tanja, auf die Jens von Anfang an mindestens ein Auge geworfen hat, von ihrem Wunsch erzählt hat, ihre Trauer möglichst weit weg, über das ganze Land hinaus zu tragen und so zu verarbeiten, schließen sich ihr die drei Männer an und die Gruppe macht sich zu viert auf eine Fußreise zur sagenhaften Halbinsel auf.

Das Besondere an dieser Reise wie an dem ganz und gar ungewöhnlichen Roman ist, dass die Handlung völlig realistisch beginnt, um sich dann leise und unmerklich in einen regelrechten Trip zu verwandeln, voller Halluzinationen, Visionen und seltsamer Erscheinungen, wobei der Kontakt zur Realität trotzdem bestehen bleibt. Auf dem großen Fußmarsch lernen die vier beschwingten und redseligen Leute zunächst einmal sich selbst und einander gut kennen. Erinnerungen an die Kriegshandlungen, aber auch Erinnerungen an die Kindheit tauchen in den Erzählungen von Iwo und Jens auf; Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Andrij einschließlich eines vermuteten Seitensprungs machen sich in Tanjas Geschichten Platz, der unbekümmerte Vitalij gibt den mehr oder weniger erfolgsverwöhnten Künstler. Zudem meinen die beiden Einheimischen, Vitalij und Tanja, über die politische Lage des Landes doch noch besser Bescheid zu wissen als die beiden bestinformierten Deutschen. Alle vier üben sich fleißig in einem ständigen Wissenswettbewerb. Freilich wechseln sich solche Phasen kindischer Streitigkeiten und Sticheleien ab mit Momenten großer Freundschaft, Solidarität und auch emotionaler Zuneigung; neidvolle Beobachtung des anderen (besonders unter den miteinander konkurrierenden Männern) mit großer Sympathie für einen der Reisegefährten oder – eher selten – für alle drei. So gesehen ist "In den Kriegen" vor allem ein Roman über das Jungsein und über die Gruppendynamik einer kleinen Schicksalsgemeinschaft von Menschen, die zwar schon erwachsen sind, aber in ihrer verspielten Art mit einem Fuß noch in der Pubertät oder sogar in der Kindheit stecken. Die Erfahrung des Krieges und seine subtile Gegenwart färben zwar auf das Verhalten dieser Gruppe ab, bestimmen ihre geschärfte Wahrnehmung und ihre blitzschnellen Reaktionen, ändern aber nichts an ihrem Umgang miteinander und an ihrem ungebrochenen Elan. Die Erzählung lebt von brillanten Dialogen und einer Sprache, die Menschen am Beginn der Erwachsenenlebens auf authentische Weise charakterisiert.

Ein weiterer großer Gewinn dieses außergewöhnlichen Romans ist seine Atmosphäre. Die Landschaften, die Wetterverhältnisse im Wechsel der Jahreszeiten, die Licht- und Luftstimmungen, der vereiste See samt Schilf, die nassen, schlammigen oder auch trockenen Felder, das stürmische Meer, wenn es denn ein Meer ist … Manche dieser flirrenden Szenarien scheinen großem europäischem Autorenkino entnommen zu sein, von Tarkowski über Angelopoulos bis Kusturica; in ihrer flimmernden Unbeständigkeit und Wechselhaftigkeit begleiten sie ganz großartig den allmählichen Übergang von einem realen Szenario zu halbrealen und dann nur mehr halluzinierten Szenen und Bildern. Die schrecklichsten von Ihnen sind Ergebnisse des Krieges, ob des realen, der durch die nun verlassenen Dörfer gezogen ist, oder jenes, den Jens und Iwo in ihren Köpfen, gelegentlich durch psychoaktive Substanzen unterstützt, zusätzlich zum eigenen Erleben durchgemacht haben.

Weder der Verlag noch die Autorin konnten vor dem Erscheinen des Buches ahnen, welch schreckliche Aktualität diese Region, dieser Befreiungskampf und dieser nun viel größere Krieg gewinnen würden. Im Jahr 2022 sollte aber niemand an diesem wunderbar poetischen, weltklugen und originellen Text vorbeikommen. Nicht nur, um etwas über den Krieg zu erfahren.

Rezension von: Jelena Dabic, 21. 04. 2022

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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