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Leseprobe: Handke, Hermann Lenz - "Berichterstatter des Tages."

(S. 42 f)
Paris, 8. März 1974
Lieber Hermann Lenz, seltsamerweise hatte ich das sichere Gefühl, Sie seien krank. Nach dem, was Sie nachher wie neu gesehen haben, muß es ziemlich arg gewesen sein. Und jetzt? Ihre Schrift kommt mir um ein Haar mehr durcheinander vor als sonst, in sonnigen Tagen. Auch ich bin manchmal mutlos, und die Sinnlosigkeit kracht aus allen Nähten! Aber mit der Zeit wird auch die einem langweilig.
Wenn ich daran denke, daß Sie nach München umziehen, ist es manchmal gewiß eine mühevolle Vorstellung, aber dann wieder spüre ich, daß es für Sie und Ihre Frau auch richtig ein Abenteuer sein muß - und daß doch das einen wenigstens kleinen Winkel für jene 'wilde Freude' schaffen müßte, von der Sie einmal schreiben. Mit vielleicht einem Monat Unordnung und Verwirrung werden Sie sich abfinden müssen.
Amina geht noch immer recht gern in den Kindergarten. Im Moment hustet sie leider. Hoffentlich wird nicht mehr daraus. Das Buch Ihrer Frau ist mir sehr nützlich. Ich bemühe mich. Es leuchtet mir immerhin ein, daß die Religion bei den Juden auch dewegen so wichtig ist, weil sie das Gefühl für die Geschichte stärkt - und ein solches Volk zumindest braucht seine Geschichte, wie eine Religion -, und da schließt sich der Kreis, vielleicht.
Es ist kalt und windig, die Heizung rauscht, aber durch die Fensterritzen zieht es. Und es ist doch wieder schön, in der Nacht im Bett zu liegen und den Wind zu hören.
Hoffentlich gibt es bei Suhrkamp bald eine Klärung über Ihre Arbeiten. Seit 2 Wochen warte ich, nach einem Brief an eine Lektorin, auf eine Antwort.
An Sie und Ihre liebe Frau in Ihre Stuttgarter Stuben einen freundlichen Gruß,
Ihr
Peter Handke.

(S. 128 f)
[München], 26. Mai 1978
Lieber Peter,
wir sitzen wieder in unserem Alten-Heim und denken an die Tage bei Dir zurück. Die haben uns jung gemacht, zumindest hinter der Stirn.
Ich schreibe Dir also gewissermassen mit erfrischten Ganglienzellen, obwohl ich den Mund nicht so voll nehmen sollte, weil Dir mein Brief abgewelkt vorkommen kann.
Jedenfalls ist bei Dir so viel los, wie ich mir früher gewünscht hätte, dass bei mir los sein sollte. Aber ich hab's nicht geschafft und hätte auch kein so angespanntes Leben durchgestanden, wie Du es führst. Trotzdem freut's mich, dass ich beim Fussballspiel im Garten von Dir ermuntert worden bin.
'Aminowitsch' hätte ich gern ein Comic-Strip-Buch geschenkt, aber Dir ist's ja nicht recht, wenn Amina derlei liest. Obwohl sie deshalb so schöne Sachen zeichnet wie den Trickfilm mit der Schlange und die Geschichte unserer Abreise. Und alles aus der hohlen Hand wie das Ziffernblatt der Uhr, das jedesmal so rund wird, als hätte sie einen Zirkel benutzt.
Übrigens will ich Dein Barfuss- oder Strumpfsockig-Gehen, wie man in Bayern sagt, nachmachen, traue mich aber nicht so recht, weil ich auszurutschen fürchte ... Und Frau Greinert ruft aus: 'Herrr Handke, Sie haben so zierliche Füsse!' (...)


© 2006 Insel Verlag, Frankfurt/M.-Leipzig.

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