logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Teresa Kirchengast: Das Glück im Großen und Ganzen

Roman.
Wien: Edition Atelier 2022.
200 Seiten; Paperback; Euro 18,00.
ISBN 978-3-99065-070-7.

Teresa Kirchengast

Leseprobe

Glück ist, wie schon der französische Moralist Nicolas Chamfort im 18. Jahrhundert festgestellt hat, nicht gerade eine leichte Sache, ist es doch schwer in uns selbst zu finden und eher unmöglich, dass man anderswo darauf stößt. Und doch gibt es kaum jemanden, der dem "Glück im Großen und Ganzen" nicht hinterherhetzt und ein wenig davon erhaschen möchte, selbst wenn dieses Große und Ganze, wie die drei Protagonistinnen erkennen, einigermaßen beängstigend scheint.
Doch weder das noch die Vermutung, dass die Menschen das Glück früher beherzter am Schopf gepackt haben, weil es seltener vorgekommen ist, vermag die Ambitionen der drei Freundinnen, die in einer Wohngemeinschaft zusammenleben, unverheiratet, kinderlos und noch keine dreißig sind, zu bremsen. Schließlich ist Sommer, wo alles offener und unkomplizierter wirkt. Außerdem stehen ihnen (ungeachtet des Verfalls alter Werte, der die gesellschaftlichen Grenzen ausgefranst und das Leben unübersichtlicher gemacht hat, wie die Autorin findet) relativ viele Freiheiten zur Verfügung. Und "auf der Nudelsuppe dahergeschwommen" sind die drei sowieso nicht.
Dementsprechend schnell sehen sie, "dass man zugleich zufrieden und voller Sehnsucht sein" kann.
Als Idealzustand schwebt ihnen dennoch etwas anderes vor: Dass sie nämlich nicht bloß geliebt werden, sondern "in diesem Ausmaß auch zurücklieben können".
Dazu braucht es natürlich passende Partner.


Anke, die mit einem unausstehlichen Chef konfrontiert, sorglos und schön, Konditorin und Bäckerin ist und zu jener Sorte Mensch gehört, die niemals still stehen, hat ihn nicht. Sie will den, den sie hat, loswerden (er heißt Robert, ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in der Nachbarwohnung), auch wenn ihr "suboptimale Zweisamkeit" besser als "optimale Einsamkeit" erscheint und ihr die Affäre, die auf spontanen Begegnungen beruht, ohne Besitzansprüche auskommt und ohne Angabe von Gründen jederzeit beendet werden kann (wie sie glaubt), lange auch gefallen hat.
Trotzdem steht dieselbe jetzt ihrer neuen Erkenntnis im Weg, dass "jeder Mensch nicht darauf angewiesen sein sollte, denjenigen zu nehmen, der da ist, sondern versuchen, den zu bekommen, den man dahaben will". Ihre Entscheidung, das Verhältnis zu beenden, wird von Robert allerdings ignoriert. Er bombardiert sie mit Nachrichten und Anrufen am Handy.

Sich in eine kopflose Affäre zu stürzen, nur um nicht alleine zu sein, das ist für Molly nichts. Sie muss, weil sie es schlecht aushält, etwas übersehen oder überhört zu haben, vorher alles abklären, geht es ihr doch primär darum, die Freiheit nicht einzubüßen. Als Philanthropin ist ihr Herz zwar sehr "weiträumig" (unter anderem bietet sie in der Schusterwerkstatt, in der sie arbeitet, Jugendlichen auf Drogenentzug, die in die Beschaffungskriminalität gerutscht sind, eine Lehrstelle an), andererseits ist sie auch "eine Frau des Ganz-oder-gar-nicht, alles oder nichts", die sich ungeachtet ihrer großen Klappe, ihres Dickschädels und ihres ausgeprägten Unwillens, sich anzupassen, als "Hosenscheißer" entpuppt.
Deshalb dauert es auch einige Monate, bis sie Pfarrer Jonas Ehrmann im Beichtstuhl gesteht, dass sie ihn liebt. Der sieht es als Prüfung Gottes, ob er wirklich zum Priester berufen ist und will herausfinden, ob seine Gefühle zu Molly tiefer sind als die zu Gott.

Derlei Intensitäten geht Marie aus dem Weg. Sie, die Kunstgeschichte studiert und gerade ihre Abschlussarbeit über österreichische Schimpfwörter schreibt, würde lieber eine unkomplizierte geradlinige Liebe erleben. Schließlich hat sie ohnehin an ihrer "außergewöhnlichen Begabung" zu kiefeln, sich zu viele Gedanken zu machen, die es des öfteren "echt anstrengend" im eigenen Körper werden lässt.
Doch dann lernt sie Luis kennen, der an einem Alpha-1-Antitrypsin-Mangel leidet und deshalb nicht mehr lange zu leben hat. Ihr Glück: Sie hat bis dato noch nie etwas oder jemanden so sehr gewollt wie Luis; was nicht verwundert, denn nicht nur hat kein Mann sie je so angesehen wie er; es gelingt ihr auf einmal auch ganz deutlich, "die ungewohnte Nähe einer großen Empfindung" zu spüren.
Und dann erfüllt Marie auch noch die leise Ahnung, dass sie sich selbst im Weg steht. Denn während Molly weiß, dass es ihr lieber ist, zu scheitern, als etwas unversucht zu lassen, und Anke sowieso "einfache Lösungen für komplizierte Probleme" präferiert, liegt ihr das Einfache nicht. Sie hinterfragt lieber; ihre eigenen Handlungen genauso wie Umstände, ob man das aktuelle Verhalten auf irgendetwas zurückführen kann, das Jahrzehnte zurückliegt oder "ob man sich in den Menschen an sich oder auch in die Wahrnehmung, die das Gegenüber von einem hat, verliebt"!?!
In diesem Sinne ist sie vollauf damit beschäftigt, "ihre Gefühle, Sehnsüchte und Ablehnungen in Bezug auf Luis zu sortieren". Dabei ist sie froh, dass Molly und Anke sie auf wundersame Weise verstehen, obwohl sie völlig anders sind.

Aber aufzugeben liegt keiner von den dreien, auch wenn ihre Tage vordergründig mit Arbeit und dem Entwirren von Emotionen gefüllt sind und sie deswegen schlecht schlafen; auch deshalb, weil sie beim gemeinsamen Himbeerkracherl-Trinken auf dem Balkon im "bangen Hoffen auf gute Zeiten und große Gefühle" erkennen, wie schnell eine Welt und alle scheinbaren Überzeugungen aus den Angeln gehoben und neu geordnet werden können.

Doch es sind auch noch andere tiefgreifende Gedanken, die dieser salopp geschriebene, sich eines locker leichten Tonfalls bedienende, aus wechselnden Perspektiven schwungvoll erzählte Roman zu bieten hat. Zu nennen wären da in erster Linie solche über die nur noch Stagnation oder Zusammenbruch zulassenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse oder über den Glauben vieler Männer, dass "Schönheit in Kombination mit einem freundlichen Gemüt (…) ein Freibrief für unaufgeforderte Berührungen" ist. Genauso hängen bleibt die Erkenntnis, wie kostbar Menschen sind, die man mag und wie wenig Zeit es zu vergeuden gilt, wenn man das unwahrscheinliche Glück hat, einem solchen Menschen unter Millionen zu begegnen. Oder das Missfallen, welch aufgeblasene Firma die Christenheit geworden ist, die sich auch heute nicht scheut, veraltete Ansichten und ein Gefühl von Macht und Schuld zu verbreiten.

Neben thematischer Vielfalt, die auch Probleme wie den Gegensatz Stadt-Land, Zölibat oder Stalking zur Sprache bringt, zeichnet den Roman auch die Art und Weise der auf Mut und dem Willen zur eigenen Entscheidung beruhenden Glückssuche der drei Freundinnen aus. Dabei geht es vor allem um Gefühle, aber eigentlich noch mehr um Empowerment. Es schwappt allerdings nur wenig der kurz und dezent aufblitzenden sachlichen Ernsthaftigkeit auf das Gemüt der jungen Frauen über. Bei aller Kompliziertheit ihrer Liebesbeziehungen, bei allem Herumschwimmen und Sich-schwer-entscheiden-Können lassen sie sich von ihrer positiven Sicht auf die Dinge nicht abbringen. Sie machen sich gegenseitig Mut und stoßen dabei auf einen nicht zu unterschätzenden Aspekt, nämlich dass alles "nur vermeintlich dauerhaft" ist und "in Wahrheit sofort ins Wanken kommen" kann. Der logische Schluss, den sie daraus ziehen: "Nur weil zwei Menschen sich aufrichtig lieben und die grundsätzliche Schönheit im jeweils anderen erkannt" haben, heißt das nicht gleichzeitig, dass sie einander guttun und gut miteinander leben können.
Alleine das zu wissen bedeutet mehr als bloß Glück.

Rezension von: Andreas Tiefenbacher, 20. 06. 2022

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Sehr geehrte Veranstaltungsbesucher:innen!

Wir wünschen Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer und freuen uns, wenn wir Sie im September...

Ausstellung
Das IPA/Institut für poetische Alltagsverbesserung präsentiert Youtopia / Plan B

In dystopischen Gesellschaften ist es verpönt, sich positive Entwicklungen vorzustellen. Die...

Tipp
flugschrift Nr. 39 von Herta Müller

In Kooperation mit dem internationalen Literaturfestival Erich Fried Tage erscheint dieser Tage...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Buchtipps zu Kaska Bryla, Doron Rabinovici und Sabine Scholl auf Deutsch, Englisch, Französisch,...