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Dine Petrik: Ich bin wie ein kaltes Reptil.

Hertha Kräftner. Spurensuche und Sittenbild. Weitra: Bibliothek der Provinz 2022; geb.; m. Abb.; 168 S.; EUR (A) 20.00; ISBN: 978-3-99126-102-5.

Der literarische Rang Hertha Kräftners (1928-1951) ist heute unbestritten, die Germanistik zählt sie zu den bedeutenden österreichischen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit. Trotzdem hat sie es nicht in den Kanon der österreichischen Literatur geschafft, was von akademischer Seite meist damit begründet wird, dass die literarische Öffentlichkeit zu lange auf die biographische Interpretation ihres Werks fixiert gewesen sei. Die bislang letzte, 1997 erschienene Werkausgabe von Gerhard Altmann und Max Blaeulich habe die Verschränkung von Werk und Biographie noch strukturell hervorgehoben, indem sie Gedichte und Prosa, private Notizen und Mitteilungen gleichranging behandelt habe. Eine intensivere akademische Beschäftigung mit Hertha Kräftner sehen wir allerdings erst nach der Jahrtausendwende, als die Forderung nach einer literarischen Kontextualisierung (nicht lebensgeschichtlichen Interpretation) ihres Werks laut wurde. Diese Forderung wurde im Extremfall so wörtlich genommen, dass man bedauerte, dass Kräftner selbst ihre Texte so penibel datiert hat, weil sie damit ja einer biographischen Lesart quasi Vorschub geleistet habe. Eine wissenschaftliche Biographie, die die Autorin im kulturgeschichtlichen Kontext ihrer Zeit darstellen würde und die wohl auch eine wichtige Basis für eine kritische Gesamtausgabe wäre, gibt es indes bis heute nicht.

Genau hier setzt die kürzlich erschienene, als „Spurensuche und Sittenbild“ untertitelte Monographie von Dine Petrik an, die sich zwar nicht mit wissenschaftlicher Methodologie, aber doch auf der Grundlage intensiver Recherchen der Biographie Hertha Kräftners annimmt, um ein klareres Bild der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Autorin zu gewinnen und auch manchen über sie tradierten Mythos zu korrigieren. Es handelt sich um die überarbeitete und gestraffte bzw. um einige Details ergänzte Version des 2011 erschienenen Buches Hertha Kräftner. Die verfehlte Wirklichkeit, und es ist sehr zu begrüßen, dass das Werk nun in neuer Gestalt wieder zugänglich gemacht wurde. Denn, wie Petrik an anderer Stelle wissen lässt: Das letzte Wort ist nicht gesagt.

Ausführlich widmet sich Petrik der familiären Situation und den Erfahrungen der Ab- und Ausgrenzung, die die kleine Hertha ab dem sechsten Lebensjahr (dem Umzug von Wien nach Mattersburg) machte. Der Vater, ein ehemaliger Rotgardist und bis zum Anschluss Verkäufer in einem jüdischen Textilgeschäft, wurde in dem sich zusehends radikalisierenden politischen Klima der 1930er Jahre von den Ortsansässigen geschnitten. Von der Mutter wurde Hertha wie eine „Modepuppe“ ausstaffiert, sie durfte sich nicht schmutzig machen und wurde deshalb bald von den anderen Kindern gemobbt. Hertha verlegte sich darauf, zu leisten, war Klassenbeste, ging, sooft sie in Wien war, mit der sie verwöhnenden Wiener Tante ins Burgtheater. Das Kind muss früh gelernt haben, „Unsicherheit mit Überlegenheit“ zu kompensieren, auch um der Starrolle gerecht zu werden, die ihr die Familie zum Ausgleich für die verlorene Reputation des Vaters zuwies. Und Hertha habe diese Rolle auch zu spielen gewusst.

Einen biographischen Bruch stellt die Vergewaltigung der Siebzehnjährigen durch (angeblich vier) Soldaten der Roten Armee Ende März 1945 dar – ein Ereignis, das mittelbar zum Tod zweier Personen, eine davon der eigene Vater, führen sollte. Entgegen der in der Literatur tradierten Darstellung, wonach es zu einem „Handgemenge“ zwischen dem Vater und einem zudringlichen russischen Offizier gekommen sei, in dessen Verlauf sich ein tödlicher Schuss „gelöst“ habe und anschließend der Vater noch durch einen Säbelstreich am Hals verwundet worden sei, geht Petrik davon aus, dass der Offizier im Haus war, um Ruhe zu schaffen, und sie schließt auch nicht aus, dass der Herzschuss, der die anwesende Hebamme Emilie Adam tötete, vorsätzlich zugefügt wurde. Warum es dazu kam, ist nicht überliefert, die Hebamme sei aber davor ins Haus gerufen worden, um die misshandelte Hertha zu versorgen. Die Zeitzeugen, die Petrik zu dem Vorfall interviewte, berichten, dass man in Mattersburg über die Umstände, die zu dem Vorfall führten, Bescheid gewusst habe; Herthas Fall sei aber nur einer unter vielen gewesen, über die man kaum im engsten Familienkreis sprach, einerseits, weil man irgendwie weiterleben musste, andererseits auch deshalb, weil in der kollektiven Mentalität der Provinz eine vergewaltigte Frau mit einem schweren Makel behaftet war, wenn sie nicht überhaupt als Soldatenhure galt. Kräftner zog nach den tragischen Ereignissen jedenfalls zur Tante nach Wien, den noch fünf Monate lang im Krankenhaus dahinsiechenden Vater sollte sie kein einziges Mal besuchen.

Für Petrik steht fest, dass die multiple Traumatisierung durch dieses Ereignis (die Vergewaltigung, der Tod zweier Menschen, für den sie sich verantwortlich fühlte, die Unmöglichkeit, über das Geschehene zu sprechen, weil es selbst in der Familie unter den Teppich gekehrt wurde) klar benannt und berücksichtig werden muss, um die Auswirkungen des Erlebten auf Kräftners Sozialverhalten und letztlich auch auf ihren Umgang mit Männern richtig einzuschätzen. Die tradierten Charakterisierungen Kräftners von Seiten ihrer literarischen Mentoren seien dabei wenig hilfreich, weil diese im Grunde Teil des Problems seien. Es liegt auch nahe, Kräftners manifeste Depression, die chronischen Kopfschmerzen, das Sammeln von Tabletten („fürs Abschalten und Anwerfen“), zuletzt auch die Angst, verrückt zu werden, von der die Autorin mehrfach berichtet, auf das nicht bewältigte Trauma zurückzuführen, obwohl es dafür keine Belege gibt. „Dass das Gewesene ungesühnt bleibt“, so Dine Petrik, „wäre wohl noch verkraftbar gewesen. Nicht aber das Schuldsein.“ Therapeutische Möglichkeiten boten sich für Hertha jedenfalls keine, weil man in der allgemeinen Nachkriegsnot die Konsultation eines Psychiaters nicht als vordringlich erachtete.

Unter Kräftners literarischen Mentoren ist zunächst Hermann Hakel zu nennen, der ihr 1949 die erste Publikation in seiner Zeitschrift Lynkeus verschaffte. Hakel sei in der Wiener Szene dafür bekannt dafür gewesen, sich gern despektierlich über die Literaten und Literatinnen, die ihn konsultierten, zu äußern und Autorinnen sexuell auszubeuten, was Kräftner allerdings nicht davon abgehalten habe, sich mit ihm einzulassen. Von ihm stammt der Sager über die „allzuwillige Nymphomanin“, darüber hinaus brachte er intime und diskreditierende Details über Kräftner in Umlauf, im Übrigen verhalf er ihr zu keinen weiteren Veröffentlichungen mehr. Petrik konstatiert in diesem Zusammenhang bei Kräftner ein problematisches „Buhlen um Beachtung bei jenen, die ihre Verachtung verdient hätten“ – bei allem ansonsten klaren Blick, den sie auf den Literaturbetrieb und seine männlichen Protagonisten hatte (wie aus ihren eigenen Notaten und Briefen durchaus hervorgeht). Wie viele andere sei sie schließlich zu Hans Weigel „übergelaufen“, der sich für seine „Schützlinge“ tatsächlich einsetzte. (Den Rat, sich an Weigel zu wenden, hatte übrigens der von ihr konsultierte und bewunderte Viktor Frankl gegeben). Wie weit aber auch hier das paternalistische Verhältnis gegenüber einer jungen Autorin ging, zeigen Weigels Bonmot über Kräftner als einer „Selbstmörderin auf Urlaub“ und die an sie gerichtete Aufforderung, ihm eine Ansichtskarte zu schicken, wenn sie den Urlaub zu beenden gedenke. Die Karte mit dem sarkastischen Text „Ich werde es nicht mehr tun“, die Kräftner unmittelbar vor ihrem Selbstmord an Weigel schickte, habe noch jahrelang und für jeden Besucher sichtbar über seinem Arbeitstisch gehangen.

Kräftners Verhältnis zu den Männern erweist sich in jedem Fall als ambivalent. Einerseits suchte sie Sicherheit in einer langdauernden Beziehung, andererseits hielt sie sich alle Türen offen, um sich nicht binden zu müssen. Bis zu ihrem Tod 1951 verband sie eine fünfjährige Beziehung mit Otto Hirss, der Kräftners „Liebeseskapaden“ offenbar zu tolerieren bereit war – der sich im Gegenzug allerdings auch unmittelbar nach Kräftners Tod ihren literarischen Nachlass unter den Nagel reißen sollte. Die kurze, aber heftige Beziehung zum Fotografen Harry Redl interpretiert Petrik als „eine weitere Option, die sie nicht zu schließen gedenkt“. Mit Wolfgang Kudrnofsky, den Petrik als einen aalglatten, eitlen Frauenhelden charakterisiert, der die Beziehung posthum literarisch ausgeschlachtet habe (vgl. seinen 1979 erschienenen Erinnerungstext Mein Leben mit Hertha Kräftner), war sie die letzten zweieinhalb Monate ihres Lebens liiert – was sie allerdings nicht daran hinderte, sich Tage vor ihrem Selbstmord noch mit Otto Hirss zu verloben. Die von Petrik ins Spiel gebrachten Verlustängste könnten zumindest einen Erklärungsansatz für das auffällige Hin und Her zwischen den Männern und die permanent sich verlagernde Suche nach Nähe dienen; andererseits aber kann man aus Kräftners teils ironischen bis sarkastischen Notaten herauslesen, dass die Männergeschichten für sie nicht ganz die Bedeutung gehabt haben dürften wie für die Nachwelt, die um die Autorin (bei all ihrer schriftstellerischen Begabung) das Narrativ von einer lebensuntüchtigen, nach der führenden männlichen Hand förmlich bettelnden Frau schuf.

Ob als traumatisiertes Opfer nicht beherrschbarer Umstände oder als Protagonistin mit ausgesprochen selbstbewussten und irritierend pragmatischen Zügen: Das Bestimmende am Bild Hertha Kräftners scheint seine Widersprüchlichkeit zu sein. Petrik stellt diese auch in Kräftners Schriften fest, spricht von sentimentalen Ich-Stilisierungen in ihrer frühen Lyrik, denen in den zeitgleichen Briefen an Otto Hirss aber eine Diktion gegenüberstehe, als schriebe hier keine Siebzehnjährige, sondern „eine ältere, reife Frau“. Dem ungemein scheuen, fast verzagten Menschen, den Viktor Frankl in ihr sah, steht die Autorin des Textes Wenn ich mich getötet haben werde gegenüber, den Petrik geradezu als „Manifest und Kraftakt“ und als „zynische Abgrenzung“ von ihren Mentoren bewertet, die ihr, wie Weigel, ein „Liebäugeln mit dem Tod“ unterstellten.

Zwei Protagonisten in Kräftners Leben, Hirss und Kudrnofsky, hat Petrik nach der Jahrtausendwende noch persönlich interviewt; das Urteil über sie fällt angesichts der Ignoranz und Selbstbezogenheit der Gesprächspartner verheerend aus. Ein wichtiger Gesprächspartner war Herthas Bruder Günther Kräftner, der eine Menge Details über seine Schwester und über die Haltung der Einheimischen ihr gegenüber berichten konnte. Darüber hinaus aber betrieb Petrik eine regelrechte Feldforschung. Ihre Rekonstruktion der Ereignisse nach der Vergewaltigung Kräftners beruht auf voneinander unabhängigen mündlichen Quellen, u. a. auf einem Gespräch mit den Nachkommen der damals zu Tode gekommenen Emilie Adam. Gespräche, die Petrik mit Bekannten der Familie Kräftner und mit einer mehrfach erwähnten Schulfreundin Herthas in Mattersburg führte, vermitteln allerdings auch einiges an Geringschätzung gegenüber der überdrehten Autorin, die sich für etwas Besseres gehalten habe. Einmal bekommt die Interviewerin auch die Empfehlung zu hören, sich mit „der“ lieber nicht zu beschäftigen, wenn sie nicht depressiv werden wolle.

Und nicht zuletzt bringt Petrik sich selbst in die Erzählung ein, als Menschen, der aus derselben mittelburgenländischen Provinz wie Hertha Kräftner stammt und mit ihr Erinnerungen an die Landschaft ihrer Herkunft (den Rosaliahügel, den Sieggraben) teilt. Vor allem aber setzt sie sich zum Zeugen des diese Landschaft bewohnenden kollektiven Verdrängens und Verschweigens ein, welches für Hertha Kräftner vermutlich fatal war und auch Petriks eigenes Aufwachsen in der Nachkriegszeit nachhaltig geprägt hat. Wer genaueres darüber erfahren möchte, sollte Petriks beeindruckenden, 2018 erschienenen Kurzroman Stahlrosen zur Nacht lesen.

Zur Publikation selbst: Es wäre schön gewesen, irgendwo im Buch einen Hinweis darauf zu finden, dass es sich bei der nun erschienenen „Spurensuche“ um eine überarbeitete Neuausgabe des Buches von 2011 handelt. Auch wird nirgends mitgeteilt, dass das Vorwort von Daniela Strigl aus der damaligen Ausgabe übernommen wurde; dafür ist schon im ersten Satz dieses Vorworts – „Hertha Kräftner war eine Frühvollendete“ – eine auffällige Abweichung von der Version von 2011 zu finden, in der zu lesen war, dass es sich eben um keine Frühvollendete handle. Auch ist ein bisweilen nicht durch Zitat motivierter Wechsel zwischen neuer und alter Rechtschreibung festzustellen, der sich vermutlich aus der Übernahme von Textpassagen erklärt und vom Lektorat übersehen wurde. Diese Fehler tun dem Wert der Publikation aber keinen Abbruch. Der Text selbst ist gekürzt und in der Diktion vereinfacht, was das Lesetempo erhöht, ihm aber auch etwas von seiner ursprünglichen expressiven Verve und seinem unverblümten Sarkasmus nimmt, schon in den Kapitelüberschriften: statt „Mentoren und Patriarchen“ steht nun „Entdecker und Förderer zu lesen“; der „Schutzpatriarch“ Weigel wird zum platten „Förderer“ usw.; auch wurden etliche sehr explizite Zitate herausgenommen, über die die Ausgabe von 2011 noch verfügte. Insgesamt aber tut diese Überarbeitung dem Buch gut, denn manches in der älteren Ausgabe war einfach auch redundant; und harter Stoff ist das Buch allemal geblieben.

Erwin Köstler (12. Juli 2022)

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