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Julian Schutting: Das Los der Irdischen

Szenen und Dialoge.
Mit einem Nachwort von Gerhard Zeillinger und Bildern von Albin Schutting.
St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich, 2022.
375 Seiten, Halbleinen, Euro 24,-.
ISBN 978-3-902717-67-2.

Julian Schutting

Leseprobe

Der stattliche, in Halbleinen gebundene Band, der in der Literaturedition Niederösterreich kurz vor Julian Schuttings fünfundachtzigstem Geburtstag erscheint, erzählt viel über das umfangreiche Werk des in Amstetten geborenen Schriftstellers, ohne dass wir das Buch dazu notwendigerweise aufschlagen müssen. Die Erscheinung ist die einer Klassikerausgabe. Tatsächlich hat sich Julian Schutting mit etwa 60 Büchern in die österreichische Literaturgeschichte unübersehbar eingeschrieben. Sein Werk wird wie das der meisten Klassiker zwar nicht so oft gelesen wie verdient, hält für Leser:innen aber bereit, was große Literatur ausmacht: Sie gibt den Anstoß, sich mit seiner Umgebung und sich selbst zu konfrontieren, ins Nachdenken zu kommen. Dazu drängen uns Schuttings Wortwahl, die immer das gerade in Mode stehende vermeidet, sowie seine Grammatik und Rechtschreibung, die auffällig den gedanklichen Umweg begünstigen, der zusätzlichen Erkenntnisgewinn garantiert. Es gibt keinen Schutzumschlag, bei Schutting liegt die Welt offen vor. Auf die letzte Umschlagseite ist eine Miniszene aus dem "Volksstück" "Das Los der Irdischen (wo nicht vor Troja gefallen)" abgedruckt. Die Szene verlockt dazu, das Buch aufzuschlagen – auch deshalb, weil sie einen unbedacht – Volksstücke sind doppelbödig – in schallendes Gelächter ausbrechen lassen könnte:

ER
Fräulein, Sie kommen zu mir hereingeschneit. darf ich fragen, was Ihr Begehr?
SIE
Papa, eine Überraschung: nach so langem ist dein Gletscherbuch neu aufgelegt worden!
ER
Gut aufgelegt bin ich, ja. aber was sagen Sie da?

Es geht um "Erbärmlich-erbarmungswürdige Altersverblödung!", die quer durch alle erdenklichen Milieus und Gesellschaftsschichten aufgespürt wird. "Und was wäre deren Quintessenz?" Der Gedächtnisverlust als unterhaltsamer Schwachsinn, die Welt ein Lichtloch, das am Ende des Tunnels immer enger wird. Und eine Warnung vor einer möglichen Auswirkung einer allumfassenden Digitalisierung, wenn Gespeichertes plötzlich nicht mehr abrufbar ist.

Faszinierend, wie es Schutting gelingt, ein Panorama der Demenz vorzulegen, das nie bloß erfunden immer aus der Erfahrung zu kommen scheint. Tatsächlich geht der Autor täglich – so erzählt er in einem ORF-Interview – zweieinhalb bis drei Stunden und findet auf diesen Wanderungen den Stoff für seine Literatur. Erfundenes zu erzählen lehne er ab. Vermutlich kann es bei einer Lesung mit Julian Schutting vorkommen, dass es ihm geht wie Franz Kafka, der während seines Vortrags zwischendurch angeblich in Lachen ausbrechen konnte.
Das Irritierende, Absurde, Komische verbindet Schutting mit Kafka, ebenso aber die Nähe zur Realität. Wie der Versicherungsjurist Kafka durch diverse Betriebsbesuche ein genauer Kenner der Arbeitswelt seiner Zeit war, ist der Lehrer und Wanderer Schutting ein mit den Alltagserfahrungen der Gegenwart gut vertrauter Autor.

Neben "Das Los der Irdischen" enthält der Band noch die dialogischen Texte "Ein Stück Hitler", "Ilse Aichinger zu Ehren", "Die Zwei" und "Zufallsbekanntschaften". Gerade die Szenen in "Ein Stück Hitler" zeigen, wie Julian Schutting auch tagespolitisch aktuell ist. Dabei ist anzumerken, dass diese Aktualität, so witzig und pointiert sie auch daherkommt, immer auch etwas Zeitloses bereit hält, das Garant dafür ist, dass diese Texte noch in vielen Jahren gelesen werden.

Für Leser:innen, die wissen möchten, wie Schutting von einem Literaturwissenschafter rezipiert wird, enthält der Band ein solides und kluges Nachwort mit dem Titel "In erster Linie gesprochene Texte. Zum Szenischen bei Julian Schutting." von Gerhard Zeillinger. Besonders das Verhältnis Schuttings zu Ilse Aichinger und Franz Kafka wird darin von Zeillinger überzeugend dargestellt.

Die beigefügten Bilder von Albin Schutting passen hervorragend zu den Texten und überzeugen. Wie diese haben sie etwas Existentialistisches an sich. Auf dem Bild "Der Wanderer" heißt es auf Kafka und Julian Schutting anspielend: "Wohin führt dieser Weg? / Wohin Sie wollen! / Da kehr ich lieber um!" – Unabhgängig davon, welchen Weg es zu gehen gilt, gut dass es ein Vademecum wie dieses Buch gibt.


Rezension von: Helmut Sturm, 24. 10. 2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

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