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Beatrice Simonsen: Der Himmel bis zur Erde

Erzählungen.
Oberwart: edition lex liszt 12, 2022.
229 Seiten, broschiert; 21 Euro.
ISBN 978-3990162187.

Beatrice Simonsen

Leseprobe

Gibt es so etwas wie freundliche Literatur? Wenn es dabei um ein Erzählen geht, das hinhört, das es sich nicht leicht macht und dennoch das Verletzen meidet, ja, dann schreibt Beatrice Simonsen wirklich auf freundliche Weise Literatur.

Der Erzählband "Der Himmel bis zur Erde" – darauf weist schon der Titel hin – umfasst nicht wenige Erzählgenres: Von der kurzen Vignette bis zum umfangreichen Reisebericht – Simonsen liefert Proben in unterschiedlichsten Genres. In der Erzählung "Birding" benötigt sie kaum sechs Seiten, um die ganze Enge, die Anstrengung, die Belastungen einer Ehe einzufangen – und sogar im Schluss noch eine Perspektive zum Ausbruch aus der drohenden Versteinerung anzudeuten. Doch auch wenn sie sich länger Zeit nimmt, wie in "Mutter du bist", bleiben eine ungewöhnliche Sorgsam- und Aufmerksamkeit. Und genau wie in dem darauffolgenden, kaum verhüllt autobiographischen Text "Die hellen und die dunklen Zimmer" zeigt sich die Stimmigkeit der Verlagswahl für den vorliegenden Erzählband: Die edition lex liszt 12 ist genau der rechte Ort für eine Literatur, die das Lokale (des Burgenlandes) mit der Neugier auf den Rest der Welt in ein Verhältnis setzt, das weder einschränkt, noch sich im Allgemeinen verliert. (Cave: Das heißt jedoch keineswegs, dass sich nicht auch ein bisschen über Tirol spotten oder in der Erzählung "wien: reisnerstraßenviertelpuzzle (1990-2020)" das Großstadtleben auf ausgesprochen nachvollziehbare, materialistische und dennoch einzigartige Weise zusammenfassen lässt.)

Das genaue Ohr, das Simonsen für ihre Figuren hat, gilt allen Generationen. Sei es das Kind in der persönlichen Erinnerung ("Es gibt Stellen, an denen mich keiner findet. Finden würde. Es gibt niemanden, der mich sucht." S. 37) oder die Mutter in der einleitenden Erzählung "Später", die auszieht, um vordergründig poetisch Märchen zu sammeln und dabei vor allem froh darüber ist, dass ihre Kinder vor dem Fernseher bleiben. In einer überaus sympathischen Volte knotzt sie sich nach erfolgreicher Geschichtenjagd am Ende selbst zu ihren Kindern vor das Gerät, das eigentliche Erzählen muss noch ein wenig warten.

Die Reiseerzählungen, wie etwa "Hotel Sahara", zu Beginn meist in einem recht konventionellen Ton, können aber dann in eine Art Staccato der Befragungen des eigenen Blicks übergehen, das die inhärente Unmöglichkeit der Erzählgattung sehr gut zum Ausdruck kommen lässt. Wer berichtet, kommt um das Urteilen nicht herum, doch Simonsen besteht dabei auf der Vorläufigkeit, dem Vermuten und der Suche nach dem anderen Blickwinkel, so auf einer Fahrt durch Ungarn:

"Es stimmt. In den meisten Gärten vor und hinter den Häusern sieht es wild aus. Schutt, Autoteile, Abfälle, alles liegt durcheinander und macht einen ungepflegten Eindruck. Dazwischen Hühner, Schweine, Gänse.
"Vielleicht haben die Menschen keine Zeit, es wegzuräumen", sage ich. "Vielleicht stört es sie nicht."
"Vielleicht meinen sie, dass sie noch etwas davon brauchen können", meint Peter, der weiß, wovon er spricht.
Es gibt aber auch aufgeräumte Gärten mit Blumen vor dem Haus. Es ist nicht überall gleich."
(S. 88-89) 

Selbst wenn ihre Texte eine klare Auftragsfunktion haben, ist der Zugang von Beatrice Simonsen produktiv: Vor allem "Stimmen (Ein Flüstern, ein Rufen)" ist ein Prachtstück der Vermittlung von Kunst und Künstlerinnenbiographien – unter Zuhilfenahme der Fiktion. Anhand der Geschichte des Bildhauersymposions St. Margarethen kommt eine ganze Reihe von Künstlerinnen zu Recht und Geltung, lebendig und abwechslungsreich. Hier wird mit einer Selbstverständlichkeit über sie und mit ihnen erzählt, die das Vergessen, das die meisten von ihnen getroffen hat, um so unverzeihlicher erscheinen lässt. "Schön ist das, dass Sie mir so zuhören!" (S. 192) Es ist dieses Zusammentreffen von Genauigkeit mit unaufdringlicher Höflichkeit, die Beatrice Simonsens Prosa auszeichnet.
 

Rezension von: Holger Englerth, 05. 12. 2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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