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Mieze Medusa: Was über Frauen geredet wird.

Mieze Medusa: Was über Frauen geredet wird
Roman.
Wien: Residenz Verlag 2022.
256 Seiten; Hardcover; Euro 25,-.

ISBN: 9783701717606.

Mieze Medusa

Leseprobe

Beim Kreisverkehr an der Autobahnausfahrt Innsbruck-Mitte ist ein Schild angebracht. Nicht bloß ein Straßenschild oder eine lapidare Informationstafel im Sinne traditionsverpflichteter Tirol-Werbung, die ja auf ihre Bevölkerung schaut und sogar in Hafermilch den Teufel zu erkennen glaubt, nein, es handelt sich schlichtweg um Provokation – geht es zumindest nach denen, die sich an dem Schild stoßen, und das dürften schon ein paar sein in Tirol. GRÜSS GÖTTIN steht auf dem Schild, das in regelmäßigen Abständen demoliert oder eben – vielleicht aus Gottesfurcht – umgestaltet wird, da muss es dann wenigstens KÜSS DIE GÖTTIN heißen, wenn in Tirol schon von einer Göttin die Rede sein muss. Denn zum Küssen sind sie da, die Göttinnen. Die Frau an sich kommt hier nicht gut weg in ihrer Göttinnen-Präsenz, nicht einmal bei so viel (gesundem) Zynismus, der auch im poetisch-ironischen Ansatz der Künstlerin Ursula Beiler steckt.»Seit sie Kunstgeschichte studiert, wird [sie] immer wütend, wenn sie über die Bilder von Frauen in Kunst und Werbung redet: Heilige oder Hure, sonst schaffen es die Frauen überhaupt nicht aufs Bild«, schreibt Mieze Medusa in ihrem Roman, bei dem die Vermutung naheliegt, er sei vielleicht neben Wien nicht ganz zufällig auch in Westösterreich, genau genommen in Innsbruck angesiedelt. In die Politik schaffen es die Frauen dann auch eher seltener, gibt es doch »in Österreich mehr Bürgermeister, die Franz heißen, als Bürgermeisterinnen«.

Tirol ist ein heiliges Land und Gott ist männlich, das hat auch die Erzählerin in Was über Frauen geredet wird deutlich erkannt (was zugegebenermaßen ja nicht schwer ist) und stellt diesem »freaky-fucking-volle-gewaltigen« Naturgesetz in ihrem Roman Frauenfiguren gegenüber, die sich davon zwar gelegentlich verunsichern, aber zumindest nicht nachhaltig beirren und mit großer Sicherheit niemals beeindrucken lassen. Besonders das: volle gewaltig! Laura sucht nach ihrer Matura das Glück weniger auf der Skipiste, wie man das von ihr als gebürtige Innsbruckerin vielleicht erwarten würde, und beginnt in der Anwaltskanzlei ihres Schwagers in spe, Hubert, zu jobben – das aber nur als notwendiges Übel auf dem Weg zum Glück. Denn »was man über Hubert wissen muss?« – »Er redet sehr langsam. Bedächtig, sagt Isabella. Hubert redet auch wenig. Ein Zeichen für sein reiches inneres Erleben, sagt Isabella.« Lauras Schwester Isabella, die Isi, ist selbst Juristin und es ist ihr noch nicht ganz wohl bei der Vorstellung, statt des guten Arbeitsangebots in München den Titel »Tiroler Trophy Wife« als Kaffee zubereitender Aufputz in der heimischen Kanzlei anzunehmen, denn »manchmal ist Hubert lästig wie eine Blasenentzündung. Du sitzt auf dem Thron und willst dich entspannen, aber im Hinterkopf droht eine Stimme : Das wird jetzt unangenehm. In der Kanzlei von Hubert«, die eigentlich die Kanzlei von Huberts Vater ist, »gibt es keinen Thron, aber einen Prinzen gibt es«.

Auf der Nordkette – und »die Nordkette glitzert. Sie hat schon Schlimmeres gesehen. Sie ist übermorgen auch noch da und das ist ein Versprechen. Nur wir im Tal müssen schauen, wo wir bleiben« – thront wiederum das versteinerte Antlitz der Frau Hitt; der Sage nach wurde die Riesin zu Stein verwandelt, nachdem sie sich für die damaligen Verhältnisse wohl nicht fromm genug verhalten hatte. Und vieles von den damaligen Verhältnissen, unter denen Frauen ihre (Be-)Dürftigkeit und Rolle als Menschen zweiter Klasse systemimmanent vorgelebt (und bestätigt) wurde, gehört auch unter heutigen Verhältnissen – wenn auch nach jahrhundertelangem Dagegenhalten nicht unangetastet – zu deren Lebenswirklichkeit. Wenn etwa der Konrad, der früh aus der Verantwortung geflohene Vater von Laura und Isabella, als selbstgefälliges Arschloch beschrieben wird, das aber in seinem gottgleichen Auftreten immer irgendwie unantastbar bleibt, ein Fall für den Glacéhandschuh also, wird er zwar als Arschloch beschrieben, der Gottkomplex und -vergleich bleibt an dieser Stelle aber hartnäckig bestehen. »Es ist ungerecht, wie ungeschoren Konrad immer davonkommt. Wieso darf ausgerechnet er Isi zu Beginn der Trauung nach vorne führen? Wie kommt er zu seinem Ehrenplatz am Familientisch direkt neben der Braut? Und wo soll die Mama sitzen?, fragt Laura. Direkt daneben, so die Antwort, aber dort sitzt ja schon Konrads aktuelle Ehefrau.«

Zwischen Frau Hitt und Konrad lässt sich wahrscheinlich die ein oder andere Parallele ziehen, aber ob die Versteinerung durch die zornige, aber selbstverständlich (im Sinne des Mannes) gerechte Hand Gottes auch einen Mann ereilt hätte, ist fragwürdig.

Man kann sich nur einmal mehr daran erinnern: »Es gibt in Österreich mehr Bürgermeister, die Franz heißen, als Bürgermeisterinnen. Seit der Familienrechtsänderung 1975 muss der Ehemann nicht mehr zustimmen, wenn die Frau arbeiten geht, und Mütter dürfen die Zeugnisse ihrer Kinder selbst unterschreiben. Das Gesetz ist ungefähr so alt wie Fred. Das ist nicht lang her für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung. Seit 1989 ist Vergewaltigung in der Ehe ein Strafdelikt. Deswegen regt es Fred immer so auf, wenn schon wieder jemand darüber klagt, wie kompliziert alles zwischen Mann und Frau geworden ist.« Fred, eine weitere Protagonistin, liebt eine Frau und lebt in Wien – und ganz und gar nicht im Konventionellen, das ja kein abstrakter Begriff aus der Steinzeit ist, sondern noch immer jene Norm beschreibt, nach der es sich zu leben lohnt, zumindest wenn es nach den sogenannten Nachbarn geht. »Für den Sohn darf’s nur das Beste sein, und wenn man dem Sohn das Beste ermöglicht, dann ist es wichtig, dass die Nachbarn das auch alle sehen«; für die Tochter reicht es, wenn sie mit dem Sohn, für den es nur das Beste sein darf, von den Nachbarn (und Nachbarinnen) gesehen wird. Mehr sollen die aber auch nicht von ihr sehen, was würden sie dann denn auch über sie reden …

Feministische Antiheimatprosa meets Poetry Slam: Mieze Medusa trifft alle Töne der Zeit und streckt den Mittelfinger (der Sprache) dem entgegen, für das es nur das Beste sein darf, nämlich dem Patriarchat.

Rezension von: Evelyn Bubich, 14. 12. 2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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