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"Durch die Fiktion kommt man näher heran"

Welthaltigkeit und Fremdheit in der österreichischen Literatur
– eine Spurensuche im Online-Buchmagazin 2022

"Durch die Fiktion kommt man näher heran" – diese Feststellung der Romanautorin Sabine Gruber findet sich im sehr lesenswerten Band Übers Schreiben sprechen von Brigitte Schwens-Harrant (Sonderzahl), in dem die Literaturkritikerin, inspiriert von Roland Barthes' Formulierung des "aufblickenden Lesens", 18 Autor:innen zur Machart ihrer Texte befragt. Sabine Grubers Satz zum Verhältnis von Wahrheit und Fiktion formuliert bestechend klar, was Literatur kann, und charakterisiert viele Texte, die wir im Lauf des Jahres 2022 im Online-Buchmagazin rezensiert haben.

Die Romane von Monika Helfer etwa, die auch im letzten Teil ihrer Familien-Trilogie biografische Fakten mit Erfundenem mischt, die Neugier des Lesepublikums bedient und gleichzeitig die Frage nach der Wahrheit des Erzählten im Text selbst verhandelt. Nach ihren Erfolgsromanen Die Bagage (2020) und Vati (2021) legte sie 2022 mit Löwenherz ein zartes Porträt ihres jüngeren Bruders Richard vor, der nur dreißig Jahre alt wurde. (Rez. Sabine Schuster)

Im Erlebten UND Ausgedachten bewegt sich stets auch die Kärntner Autorin Anna Baar, die 2022 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet wurde. "Im Ausgedachten sind wir drin, der Wahrheit kann ich mich nur nähern", meinte sie 2021 über ihr Schreiben am Roman Nil, 2022 folgte der Erzählband Divân mit Schonbezug (Wallstein), "ein Puzzle eines Lebensbilds, eine Verkleidung der Biografie und eine Bepflanzung des Dokumentarischen mit Poesie." (Rez. Walter Fanta).

Ein raffiniertes Spiel mit Biografie, Identität und Wirklichkeit ist der Roman Quecksilberlicht von Thomas Stangl (Matthes & Seitz). Der Autor verwebt Momente der eigenen Familiengeschichte mit jener des chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi sowie mit den schreibenden Brontë-Schwestern und ihrem Bruder Branwell, der vor allem durch ein Portrait in Erinnerung blieb, das er von den Geschwistern gemalt hatte, aus dem er sich jedoch selbst wieder herauslöschte und nur als Schatten zwischen den Schwestern sichtbar blieb. (Rez. Angelika Reitzer)

Dokumentarisch und zugleich hochartifiziell ist Elfriede Jelineks Angabe der Person, seit langem wieder ein gedruckter Prosatext der Nobelpreisträgerin (Rowohlt). Erstmals erzählt Jelinek darin die Geschichte des jüdischen Teils ihrer Familie. Zugleich führt ihr privater Steuerfall zum Nachdenken über globale Kapitalströme. "So autobiographisch wie allgemeingültig, so sarkastisch wie wütend rechnet Elfriede Jelinek nicht nur mit sich, sondern auch mit einer Gesellschaft ab, die sich eher für die Täter als ihre Opfer interessiert, und verfolgt die geheimnisvollen Wege des großen Gelds in der modernen Wirtschaft." (Rez. Janko Ferk)

Wie Literatur Zeitgeschichte vermitteln kann, lotet Sabine Scholl mit ihrem Roman Die im Schatten, die im Licht auf spannende Weise aus. Sie schildert die Jahre zwischen 1938 und 1946 aus der Perspektive von Frauen, die traditionell die stummen Heldinnen der Geschichte waren. Zwischen denen "im Schatten" und denen "im Licht" tut sich dabei ein weites Spektrum an Grauschattierungen auf, jenseits der simplen Scheidung in Täter:innen und Opfer. (Rez. Ulrike Matzer)

Geschichte schreibt auch die Autorin und Falter-Redakteurin Kirstin Breitenfellner mit ihrem biografischen Roman Maria malt, in dem sie nicht nur das außergewöhnliche Leben, sondern auch die Denkweise, die Gefühlswelt und den Sprachduktus der bekannten österreichischen Malerin Maria Lassnig nachzeichnet. "Es sind klare, hellwache, belebte, glühende Sätze", schreibt Angelika Reitzer über Breitenfellners Text, der en passant auch tiefe Einblicke in die männlich dominierte Kunstwelt der Nachkriegszeit gewährt.

Das bestimmende Thema des Jahres 2022, der Krieg in der Ukraine, war in der Literatur von Anfang an präsent. Marlene Streeruwitz legte bereits im Frühjahr ihr furioses Handbuch gegen den Krieg (bahoe books) vor. Sie habe den Text schnell geschrieben, aus Wut, erklärte die Autorin kurz nach der russischen Invasion. "Krieg ist das Gegenteil von Zivilisation" oder "Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit" lauten zentrale Merksätze aus ihren kurzen, manifest-artigen Texten, die in Summe eine "erhellende Momentaufnahme unserer Gesellschaft und ihrer zynischen Logik" ergeben. (Rez. Sabine Schuster)

Die Ukraine ist auch Schauplatz mehrerer Romane, die bereits vor dem aktuellen Krieg geschrieben wurden und doch kriegsähnliche Zustände thematisieren. Vladimir Vertlibs Zebra im Krieg etwa (Residenz), eine Geschichte über Hass im Netz, Krieg und Korruption, angesiedelt in einer heruntergewirtschafteten osteuropäischen Stadt am Meer, vermutlich Odessa oder Mariupol. Vertlib, aber auch Cordula Simon und Sasha Marianna Salzmann, 2022 mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, "machen uns mit den Lebensumständen in einer Welt bekannt, der wir zwar unentwegt in den Medien begegnen, die uns aber trotzdem weitgehend fremd bleibt. Literatur kann in dieser Hinsicht viel mehr als social-media, Zeitung und Fernsehen." (Rez. Helmut Sturm)

Die Autorin Cordula Simon, die abwechselnd in Graz und Odessa lebt und in ihrem Science-Fiction-Roman Die Wölfe von Pripyat (Residenz) "Medien-, Technik- und Sozialkritik mit dystopischem Suspense" betreibt (Rez. Kirstin Breitenfellner), siedelt ihre Geschichte am bekanntesten Lost Place der Ukraine an: Pripyat bei Tschernobyl, das nach der Reaktorkatastrophe 1986 evakuiert und seitdem der verstrahlten Natur anheimgegeben wurde.

Viel beachtet wurde auch Evelyn Schlags Roman In den Kriegen (Hollitzer), in dem Deutsche als Freiwillige an der Seite ukrainischer Soldaten kämpfen, in den "kleinen Kriegen" irgendwo weit im Osten der Ukraine, die uns vor 2022 so wenig interessiert haben. "Ein pazifistischer Roman über den Krieg" sei dieses Buch, oder auch ein "hochpoetischer, stimmungsvoller und ins Phantastische gleitender Text." (Rez. Jelena Dabic)

Nicht in die Ukraine, aber ebenfalls nach Osteuropa hat sich Robert Menasse aufgemacht: Die Erweiterung (Suhrkamp), eine Fortsetzung seines Erfolgsromans Die Hauptstadt, erforscht die Ost-Erweiterung der Europäischen Union und stellt nach Brüssel nun Albanien ins Zentrum der Handlung. Der politische Konflikt zweier Blutsbrüder und der Helm des albanischen Nationalhelden Skanderbeg im Wiener Weltmuseum bilden den Rahmen der Erzählung, bis zum Showdown auf dem schwankenden Boden eines albanischen Kreuzfahrtschiffs. (Rez. Judith Leister).

In Doron Rabinovicis Roman Die Einstellung (Suhrkamp), einer Geschichte über Fake News, alternative Wahrheiten und Korruption, wähnt man sich wieder in Österreich. Der Starfotograf August Becker hat den Rechtspopulisten Ulli Popp demaskiert, glaubt er. Sein Porträt zeigt "das Gesicht eines Totschlägers, Hass im Hochformat". Doch Popp interessiert sich plötzlich selbst für das Bild und kauft es dem Fotografen ab – als Motiv für seine Wahlkampagne. (Rez. Erkan Osmanovic).

Zwei vielbeachtete Romane junger Autorinnen sind vor dem Hintergrund der aktuellen Klimakrise zu lesen: Marie Gamillschegs Aufruhr der Meerestiere (Luchterhand), in dem die Meeresbiologin Luise parallel die Meerwalnuss, eine berüchtigte invasive Quallenart, und ihre persönlichen und familiären Probleme erforscht.

Und Tanja Raichs hochpoetisches Untergangsszenario Schwerer als das Licht (Blessing), dessen Heldin eines Tages auf einer tropischen Insel erwacht. "Tod und Zerstörung machen sich breit und vernichten alles Leben auf der Insel, deren Artenvielfalt und schillernde Farbenpracht die Autorin mit eindringlicher, emotionsloser Präzision beschreibt." Ob Traumphantasie oder ökologisches Plädoyer, bleibt offen. (Rez. Walter Wagner)

Auffallend viele Autorinnen haben das Literaturjahr 2022 geprägt, unbedingt zu nennen ist noch Anna Kim mit ihrem Roman Geschichte eines Kindes, der entlang von staatlichen Fürsorge-Akten und Erinnerungen die wahre Geschichte von Danny erzählt, der in den 1950er-Jahren in Wisconsin als einziger Farbiger der Stadt von weißen Pflegeeltern aufgezogen wurde. (Rez. Philipp Hubmann)

Und Verena Roßbacher, die kluge und stilsichere Unterhaltung zu ihrer Marke macht und für ihren Roman Mon Chéri und unsere demolierten Seelen (Kiepenheuer & Witsch), dessen charmant-tollpatschige Protagonistin Charly Benz an die "typischen Heldinnen des sogenannten chick lit-Genres erinnert", den österreichischen Buchpreis 2022 erhalten hat. (Rez. Daniela Chana)

Auch Kaska Bryla schafft mit ihrem zweiten Roman Die Eistaucher (Residenz) über eine Gruppe von Jugendlichen, die das Recht selbst in die Hand nehmen, den Spagat zwischen packender Kriminal-Story und moralischen Fragen mühelos und besticht zudem sprachlich und formal. (Rez. Sabine Schuster)

Ein Solitär in der literarischen Landschaft ist der oberösterreichische Autor und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker. Das Leitmotiv des manischen Jagens durchzieht seinen neuen Roman Wilderer (S. Fischer). Der Jungbauer Jakob und die Künstlerin Katja werden ein Paar und bekommen einen Sohn, aber trotz Momenten großer Nähe bleibt eine Fremdheit zwischen beiden. Allmählich wird klar, dass das eigentliche Thema des Romans die Wildnis in Jakob selbst ist. (Rez. Alexander Peer)

Noch viele Titel wären zu nennen: Helena Adlers ebenfalls auf dem Land verorteter Roman Fretten mit seiner gigantischen Fabulierlust (Jung und Jung), Mareike Fallwickls mit einem Sprung vom Balkon einsetzender Familienroman Die Wut, die bleibt (Rowohlt), Norbert Gstreins Vier Tage, drei Nächte (Hanser), Peter Handkes Prosaband Zwiegespräch sowie das Notizbuch Die Zeit und die Räume (beide Suhrkamp), oder Gerhard Roths Roman Die Imker (S. Fischer), der nach dem Tod des Autors im Februar 2022 posthum erschienen ist.

Alle Rezensionen finden Sie im Online-Buchmagazin auf unserer Webseite, Auszüge daraus lesen Sie jeden Montag in unserer Rubrik Buch der Woche auf Facebook und Instagram.

Unser Kooperationsprojekt INCENTIVES – Austrian Literature in Translation präsentiert zudem ausgewählte Buchtipps in fünf Sprachen und will damit Impulse für die Übersetzung und Veröffentlichung neuester österreichischer Literatur im Ausland setzen.

Sabine Schuster / Redaktion Online-Buchmagazin
 

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