logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Ich habe keine besondere Beziehung zu Schildkröten


Anna Weidenholzer ©_katsey

Rede der Autorin Anna Weidenholzer zum 30-Jahr-Jubiläum des Literaturhaus Wien, gehalten am 22. 09. 2021 im Rahmen der Ausstellungseröffnung "Organisieren Sie sich!" – der Erste Österreichische Schriftstellerkongress 1981 und seine Nachwirkungen

Ich habe keine besondere Beziehung zu Schildkröten, hörte ich diesen Sommer eine Frau sagen, als sie mit ihrer Reisegruppe an mir vorüberzog. Ich habe keine besondere Beziehung zu Schildkröten, aber soviel ich weiß, dann riss der Satz ab. Der Gruppe voran spazierte eine Reiseleiterin, die ein rotes Fähnchen in die Luft hielt, damit niemand auf den paar hundert Metern vom Bus zum Ausflugsziel abhanden kam, vorbei am Hundertwasser-Weh-Zeh, den Souvenirläden, der Gedenktafel für die 120 Jüdinnen und 92 Juden, die hier vor 600 Jahren verbrannt wurden, diese kleine unscheinbare Tafel, auf deren Sims manchmal eine Blume liegt, gleich einer hilflosen Geste über die Jahrhunderte. Die Reisegruppe zog auch daran vorbei, vertieft in Gespräche, bis das Fähnchen niedriger wurde, und die Blicke sich auf das Hundertwasserhaus richteten.

Einige Wochen später, als ich auf die Geschichte einer Riesenschildkröte stieß, dachte ich an den Satzfetzen dieser Frau. Das Weibchen hatte Unglaubliches vollbracht, entsetzlich und verblüffend zugleich, wurde ein Biologe zitiert. Ich stand im Alten Bad und schwankte zwischen Bewunderung und Abneigung, während ich las, dass die Schildkröte einen Vogel erlegt hatte.

Wenn ich Ihnen vom Alten Bad erzähle, werden Sie vielleicht ein Schwimmbad sehen, vielleicht sogar ein Badezimmer, aber bestimmt nicht den Raum, den ich meine: Ein kleines grau gefliestes Zimmer, darin ein Waschtisch mit Unterschrank, um die 60 Jahre alt. Als meine Eltern das Haus bezogen, in dem ich aufwachsen sollte, ergänzten sie den Raum um eine Waschmaschine und ein Regal, ansonsten blieb er, wie er war. Ein kinderloses Paar hatte vor uns in dem Haus gelebt, eine Frau, die in unserer späteren Küche eine Ziege gehalten hatte, ein Mann, der sich in der hintersten Ecke des Dachbodens einen Rückzugsraum geschaffen hatte, ein Herrenzimmer, wie mein jetziger Nachbar sagen würde, die Balken in Pastell gestrichen und mit Namen verschiedener Whiskeymarken verziert.

Das Alte Bad war für mich lange Zeit ein Wort, gleichzusetzen mit Waschküche oder Abstellraum, erst später trennte ich die Begriffe voneinander und verstand, dass sie ursprünglich keine Verbindung hatten. Ähnlich verhielt es sich mit der Goethekreuzung oder dem Schillerpark, den ersten Stationen, wenn wir mit dem Autobus in die Linzer Innenstadt fuhren. Goethe war zuerst die Kreuzung, wo der Halteknopf gedrückt werden musste, Schiller bezeichnete den nahegelegenen Park, bei dem es Bratwürstel gab.
Dort spielte sich in den späten 1980er Jahren folgende Szene ab: Vor dem Würstelstand lehnte eine Frau, sie wippte mit dem Fuß. Ich muss sie lange angestarrt haben, vielleicht auch nicht, vielleicht bemerkte sie selbst den kleinsten Augenblick Aufmerksamkeit und nutzte ihn, um ihr Wissen weiterzugeben. Kind, sagte sie, das macht man, wenn einem die Musik gefällt, und sie begann, auch ihren Kopf im Takt der Musik zu bewegen. Heute sehe ich sie in einer wild gemusterten Bluse mit Schulterpolstern, die Haare zur Dauerwelle gelegt, hinter ihr der Park, den ich erst Jahre später mit dem Verbrecher aus verlorener Ehre in Verbindung bringen sollte. Es ist etwas so Einförmiges und doch wieder so Zusammengesetztes, das menschliche Herz. Ich sehe diese Frau, wie sie beharrlich versuchte, mir zu erklären, was Musik, die ihr gefällt, mit ihren Füßen macht, wie ich mich weigerte, es ihr nachzutun.

Die Begeisterung, die sich beim Lesen entfaltet, ist eine stillere, eine kleinere, die Verschiebung der Mundwinkel oder der Stirnpartie, die Bewegung des Zeigefingers, der mit Hilfe des Daumens ein Eselsohr in eine Seite knickt. Vielleicht hätte die Frau mit wippendem Fuß auch von dieser Begeisterung erzählen können, hätte ich sie danach gefragt. Einen Großteil der Zeit ist man der Welt entrückt, aber gelegentlich finden sich Lesende und Schreibende zusammen, hätte sie gesagt und einen Schluck Frucade aus einem dünnen Plastikstrohhalm getrunken, um zuzuhören, zu sprechen, um zu hinterfragen, was sie bewegt. Von Kulturvereinen hätte sie erzählt, vom ersten Literaturhaus in Berlin, und dass es bald auch eines in Wien geben sollte. Ich hätte still durch den Strohhalm in meine Limonadenflasche geblasen, dass es blubberte, als Ausdruck der Zustimmung oder Verlegenheit, weil ich in den späten achtziger Jahren keine Ahnung davon hatte, was das Wort Literatur bedeutet.

Das gemeinschaftliche Lektüreerlebnis ist uns in den vergangenen anderthalb Jahren abhandengekommen wie nie zuvor. Wenn ich diesen Satz spreche, werden Sie mir hoffentlich gegenüber sitzen und Sie werden mir vielleicht zustimmen, dass die Verlegung von Kulturveranstaltungen ins Private nicht der größte Einschnitt der Pandemie war, verglichen mit der Mehrfachbelastung für Systemerhalterinnen, mit Herausforderungen durch Homeschooling, den verlorenen Jugenderfahrungen, leeren Hörsälen, der Einsamkeit, den Rissen und Brüchen, die in Familien und Freundschaften entstanden, den Jobverlusten, verglichen mit langwierigen Krankheitsverläufen und Menschen, die heute noch leben sollten. Die Liste ist lang.
Wir Schreibenden wurden durch ein Netz aus verschiedenen Überbrückungshilfen finanziell halbwegs gut aufgefangen. Durch den Wegfall von Lesereisen und sonstigen Verpflichtungen blieb so viel Zeit am Schreibtisch wie nie zuvor. Gute Voraussetzungen für das Schreiben, könnte man also meinen.

Wäre da nicht die Öffentlichkeit. Das Coronavirus hat uns vor Augen geführt, wie verbunden wir sind, und es hat uns wie nie zuvor voneinander getrennt. In den Pandemiemonaten las ich für ein Publikum in Odessa, das unsichtbar blieb, weil ich nur in meinen Laptop sprach; ich traf mich mit jungen Wissenschaftlerinnen aus Deutschland zum informellen Austausch, Menschen, die ich zuvor in zig Sitzungen online gesehen hatte, wir schauten an diesem Abend genauer auf unsere Bildschirme und schätzten unsere Körpergrößen, wir staunten, wie oft wir daneben lagen. Mit Freundinnen und Freunden aus den USA verbrachte ich einen Abend in einer virtuellen Beach Bar, wir suchten verzweifelt nach einer Einstellung, das Meer leiser zu drehen. Es gelang uns nicht.
Ich liebe das Internet dafür, dass es die Welt kleiner macht, dass es ermöglicht, Menschen zu sehen, die viel zu weit entfernt sind. Wenn einem der Atlantische Ozean quer durch das Herz geht, ist das ein nie endendes Dilemma, schrieb Marie Jahoda.
Doch: All das bleibt zweidimensional, durch eine Bildschirmscheibe. All diese Begegnungen sind gewollt, sie haben nichts Zufälliges. Ich begegne niemanden am Hinweg zu diesen Treffen, ich trete keine Reise an, höre keine Satzfetzen, ich stolpere über keine Inschriften, ich sehe nichts als die Oberkörper derer, mit denen ich verabredet bin.

Das Drinnen gelingt ohne das Draußen nicht. Literatur ist mehr als das bloße Festhalten der Gegenwart, und doch ist das Autorinnensein unmittelbar mit dem öffentlichen Raum verbunden, mit der Gesellschaft, in der wir leben, in all ihren Farben und Tönen, Widersprüchen, den Zufallsbegegnungen und -fundstücken. Dass man so lange sucht, kommt daher, dass man nicht dort sucht, wo man sollte, und dort sucht, wo man nicht sollte. Aber wie dort suchen, wo man sollte, wenn man gar nicht weiß, was man sucht? Und das kommt immer vor, wenn man etwas verfasst und schöpferisch tätig ist. Glücklicherweise macht man, wenn man sich so verirrt, mehr als eine Entdeckung, man hat glückliche Begegnungen und man wird oft für das, was man sucht, ohne es zu finden, entschädigt durch das, was man findet, ohne es zu suchen, schrieb Joseph Joubert vor zweihundertdreizehn Jahren. Daran hat sich über die Jahrhunderte wenig geändert.
Als Schreibende bin ich Suchende mit einer vagen Ahnung, einer Idee, die sich noch nicht ganz greifen lässt. Ich bin Sammlerin, von gezielten Rechercheergebnissen genauso wie von Zufallsfunden, von Lektüren, Begegnungen, Beobachtungen, von Geschichten und Sätzen, die weiterführen oder für Jahre in den Notizen verschwinden, bis sie den Weg in einen Text finden oder auch nicht. Material ist geduldig, und es ist die Grundlage für die Struktur, die Form, die es braucht, um alles zusammenzuführen und anzufangen.

In ihrem Museum der bedingungslosen Kapitulation stellt Dubravka Ugrešic gleich zu Beginn einen See-Elefanten vor. Roland starb am 21. August 1961 im Berliner Zoologischen Garten, in seinem Magen wurden zahlreiche Gegenstände gefunden, die seinen unberechenbaren Hunger bezeugten: ein rosa Feuerzeug, vier Eisstiele (Holz), eine Metallbrosche in der Gestalt eines Pudels, ein Flaschenöffner, ein Damenarmband (Silber?), eine Haarspange, ein Bleistift, eine Wasserpistole aus Plastik, ein Plastikmesser, eine Sonnenbrille, ein Kettchen, eine (kleinere) Metallfeder, ein Gummireifen, ein Spielzeugfallschirm, eine Eisenkette (ca. 40 cm), vier lange Nägel, ein grünes Plastikauto, ein Metallkamm, ein Badge aus Plastik, ein Püppchen, eine Bierdose (Pilsner, 0,33 l), eine Streichholzschachtel, ein Kinderpantoffel, ein Kompaß, ein Autoschlüssel, vier Münzen, ein Taschenmesser mit Holzgriff, ein Schnuller, ein Bund mit Schlüsseln (5 St.), ein Vorhängeschloß, ein Plastiketui mit Nähzeug.

All diese Fundstücke aus Rolands Magen wurden in einer Vitrine ausgestellt. Unweigerlich beginne der Besucher beim Betrachten der Gegenstände nach einer Verbindung zu suchen, so Ugrešic, etwa, dass Roland acht Tage nach der Errichtung der Berliner Mauer umgekommen sei. In ähnlicher Weise sind die nachfolgenden Kapitel und Fragmente zu lesen. Wer meint, sie stünden in keinem logischen Zusammenhang, möge sich gedulden: Die Zusammenhänge werden sich allmählich von selbst ergeben.

Ugrešics See-Elefant begleitet mich seit Jahren, nicht nur, weil sich in fast jeden meiner Texte ein Tier einschleicht – über Tiere und Natur als Projektionsfläche menschlicher Emotionen zu sprechen führt an dieser Stelle zu weit.
Im Magen eines See-Elefanten habe ich ein Bild dafür gefunden, was mir Literatur bedeutet: Sie schafft die Möglichkeit, Gesellschaft in all ihrer Vielschichtigkeit und Gleichzeitigkeit in eine Form zu bringen, dem ganzen Lebensstaub einen Raum zu geben. Sie ist der Versuch, ein paar dieser Fäden zu ergreifen, die unser Gestern, Heute und Morgen zusammenhalten.
Auf die Frage, was Autor*innen tun sollten, hat Susan Sontag einmal geantwortet: Mehreres. Wörter lieben, sich mit Sätzen quälen. Und der Welt Aufmerksamkeit schenken.

Aber wie aufmerksam begegnet die Welt der Literatur, oder, anders gefragt, wer liest heute überhaupt noch? Kurz vor Ausbruch der Pandemie saß ich in Berlin einem gleichaltrigen Mann gegenüber, der sein Smartphone mit einer Gewandtheit bediente, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam, meinem Telefon nicht solche Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können. Wir unterhielten uns über Digitales, über unsere Arbeit, das Aufwachsen als letzte Generation, die noch ein paar Jahre ohne Computer gelebt hat. Er könne keine zwei Seiten mehr in einem Buch lesen, ohne auf den Bildschirm zu schauen, sagte er. Ich bewunderte die Halterung, die er auf seinem Telefon befestigt hatte und die es beinahe mit seiner Hand verschmelzen ließ, während er sprach und nebenbei auf seinem Laptop in Sekundenschnelle das Computerspiel fand, das ich in meiner Kindheit spielte. Shuffle Puck, das einzige Spiel, dem ich je verfallen war, noch in Schwarzweiß, angesiedelt in einer Bar, in der ich Figuren zum Air Hockey auffordern konnte, am liebsten das betrunkene Reptil. Ich saß dazu im Arbeitszimmer meiner Eltern, gleich neben dem Alten Bad.
Zehn Jahre später suchte ich immer noch diesen Platz auf, wenn ich zum Computer wollte, ich lauschte den Rufen des Modems, wie es eine Verbindung zum Internet herzustellen versuchte, schrille Töne, die aus der Zukunft zu mir sprachen. Es war die Zeit der ersten Schwarz-blauen Koalition, ich las Jura Soyfer und war der festen Überzeugung, dass Sprache, dass Literatur zu einer gerechteren, sozialeren Gesellschaft beiträgt, indem sie Missstände benennt und hilft, durch Geschichte Gegenwart zu begreifen. Heute bin ich skeptischer, was den Wirkungskreis der Literatur anbelangt.

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung. An diesen Sätzen, die Wilhelm II zugesprochen werden, gehe ich fast jeden Tag vorbei, wenn ich in den Prater aufbreche. Sie sind auf eine Postkarte gedruckt, die an der Fensterscheibe einer Spenglerei klebt, nur ein paar Gassen von dem Haus entfernt, in dem Jura Soyfer seine Jugendjahre verbrachte. Ich gebe zu: Mehr als einmal habe ich bei diesem Zitat an Literatur gedacht, an den Kosmos, in dem ich mich bewege, der mir riesig und unendlich vorkommt und doch nur eine Nische ist.
Bücher, die Stimmen von Autor*innen haben heute, so scheint es, kaum noch gesellschaftliche Relevanz. Unser Medienkonsum, unser Leseverhalten ist ein grundlegend anderes als vor 40 Jahren, als der Erste Österreichische Schriftstellerkongress stattfand. Meine Damen und Herren, das Ganze kommt mir ein bißchen wie eine Sprungkonkurrenz vor. Jeder geht aufs Trampolin und hupft rein, und die einen sagen, der war besser als der andere, begann Bruno Kreisky seine Grußworte. Daran hat sich wenig geändert, im Gegenteil, das Bild hat sich durch den verstärkten Fokus auf all die Long- und Shortlists sowie geschrumpfte Feuilletons verschärft.
Kreisky riet den Schreibenden damals: Organisieren Sie sich! Unvorstellbar, der heutige österreichische Bundeskanzler würde solch einen Aufruf aussprechen, oder überhaupt vor die Autor*innen treten.

Im Vergleich zu den Möglichkeiten, die die digitale Welt und all ihre Plattformen bieten, die mittels Algorithmen unsere Aufmerksamkeit an sich ziehen, wirkt Literatur schwerfällig. Sie gleicht einer Schildkröte, die sich in Zeitlupe vorwärtsbewegt, während sie links und rechts von leuchtenden Käfern überholt wird.
Schildkröten leben länger als Käfer, könnte man an dieser Stelle sagen, aber es wäre zu simpel. Nicht ihre Lebensdauer ist es, was Literatur ausmacht, sondern ein Wort, das es zu jeder Zeit braucht: Empathie.
Empathie ist ein Begriff, der an keine Landesgrenzen gebunden ist, sie endet nicht irgendwo vor Weißrussland oder Afghanistan. Sie ist etwas zutiefst Menschliches, und etwas, das in diesen Tagen gern abgetan wird. Knallhart ist das Wort der Stunde. Und so finden wir uns in einem Österreich wieder, dessen offizielle Seite dafür eintritt, keine hilfesuchende Frau, kein Baby, kein Kind, keinen Mann aus einem Land aufzunehmen, in dem Menschenrechte grausam durch die Taliban verletzt werden. Literatur ändert an dieser Situation nichts, könnte mein erwachsenes meinem jugendlichen Ich zuschreien. Doch ganz so stimmt das auch wieder nicht. Literatur mag zwar nichts ändern, aber sie gibt uns Rüstzeug mit.

Zu lesen heißt, sich in andere Lebensrealitäten hineinzubegeben, eine Figur mit all ihren Rissen und Brüchen ein Stück zu begleiten. Literatur hat die Kraft, komplexe Ereignisse nachvollziehbar zu machen. In einer Zeit, in der es nicht mehr erstaunt, wenn Fakten als Meinungen abgetan werden, wo sich Blasen gebildet haben, die sich kaum noch berühren, sind das durchwegs vernünftige Eigenschaften.

Die weibliche Riesenschildkröte, die ich anfangs erwähnte, benötigte im Übrigen siebeneinhalb Minuten, um die junge Seeschwalbe zu erlegen, die noch nicht fliegen konnte. Sie ist die erste ihrer Art, die bei der Vogeljagd beobachtet wurde und dürfte sich ihr Verhalten über einen sehr langen Zeitraum angeeignet haben. Sie hat den Vogel direkt angesehen, ist absichtlich auf ihn zugegangen. Das ist sehr, sehr seltsam und ganz anders als das übliche Schildkrötenverhalten, sagte der Biologe, der Zeuge dieser Szene war.

Damit könnte ich enden. Ich könnte Ihnen aber auch noch über die Insel erzählen, auf der Schildkröten Vögel jagen. Frégate befindet sich im Indischen Ozean, sie gehört zu den Seychellen und ist im Besitz eines deutschen Industriellen. Auf Google Maps bekommt die Insel 4,5 Sterne, die meisten Reisenden beschreiben sie als Paradies, nur ein User hat ein Foto von ihr hochgeladen, darauf die Insel mit einem großen roten X durchgestrichen.
Ich habe keine besondere Beziehung zu Schildkröten, höre ich die Frau aus der Reisegruppe erneut sagen, ich sehe, wie sie später zu ihrem Mobiltelefon greift. Vielleicht erkundigt sie sich über schönere Reisen als diesen Busausflug zum Hundertwasserhaus, wo der Sitznachbar gerade die Schuhe auszieht und sie zu nahe an der Bordtoilette sitzt, Seychellen, tippt sie auf Google Maps und zoomt sich in den Ozean. Vielleicht geht sie aber auch nach vorn, um sich zu beschweren, dass die Klimaanlage immer noch nicht funktioniert, sie schwitzt und die Busfahrerin verspricht, bei der nächsten Pause im Motorraum nachzusehen, ob der Keilriemen des Klimakompressors gerissen ist. GEA Bock, der gängigste Klimakompressor bei Autobussen, bis vor kurzem Teil der GEA Group, mit der der deutsche Industrielle zu seinem Geld und in Besitz der Insel Frégate kam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zu schreiben ist der Versuch, ein paar dieser Fäden zu ergreifen, die unser Gestern, Heute und Morgen zusammenhalten, aus ihnen ein Netz zu knüpfen. Das Literaturhaus ist voll solcher Netze, gleich einer freundlichen Stube, in der man sich fallen lassen kann. Auf die nächsten 30 Jahre, alles Gute.

© Anna Weidenholzer, 2021

>> 30 Jahre Literaturhaus Wien
>> Ausstellung Der Erste Österreichische Schriftstellerkongress 1981 ...


Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Slam B

Fr, 22.10.2021, 20.00 Uhr Poetry Slam Die Veranstaltung kann entweder über den Live Stream auf...

Verleihung des Reinhard-Priessnitz-Preises 2021 an Simone Hirth

Mi, 27.10.2021, 19.00 Uhr Preisverleihung mit Laudatio & Lesung der Preisträgerin Die...

Ausstellung
"Organisieren Sie sich!" – der Erste Österreichische Schriftstellerkongress 1981 und seine Nachwirkungen

Ausstellung anlässlich 30 Jahre Literaturhaus Wien 27.09.2021 bis 27.01.2022 Es war ein...

Tipp
OUT NOW: flugschrift Nr. 35 von Bettina Landl

Die aktuelle flugschrift Nr. 35 konstruiert : beschreibt : reflektiert : entdeckt den Raum [der...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Neue Buchtipps zu Thomas Arzt, Doris Knecht, Hanno Millesi und Teresa Präauer auf Deutsch,...