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Fürsprache und Widerworte – über die gesellschaftsverändernde Kraft von Literatur


Erich Fried Tage 2022

Herta Müller, Foto © Stephanie von Becker

Sasha Filipenko, Foto Lukas Lienhard, © Diogenes Verlag

Guillermo Arriaga, Foto © Cannarsa Opale Leemage

Caleb Azumah Nelson, Foto © Stuart Ruel

Deb Olin Unferth, Foto © Nick Berard

Internationales Literaturfestival Erich Fried Tage 2022

Rückblick: https://erichfriedtage.com/

24. Februar 2022: russische Truppen dringen in ukrainisches Staatsgebiet ein – es werden hektische diplomatische Verhandlungen geführt – die westliche Welt beschließt harte Sanktionen gegen Russland – erstes Atomwaffen-Gerassel ist zu vernehmen … was wie der Plot eines Kriegsthrillers klingt, ist bittere Realität geworden.

In diesen verwirrenden und lebensbedrohenden Zeiten herrscht ein großes Bedürfnis nach Orientierung und Erklärung. Den Dingen fragend auf den Grund zu gehen, sie zu vermessen, sie zu beschreiben, Bezüge herzustellen – und all das mit der größtmöglichen Genauigkeit und Konzentration, das ist das tägliche Brot von Autor*innen. Diese beharrliche Erkenntnis-Arbeit zu Themen von großer gesellschaftspolitischer Tragweite zeichnet die Gäste des diesjährigen Internationalen Literaturfestivals Erich Fried Tage aus.
Unter dem Motto Fürsprache und Widerworte wurden Themen wie die Auflösung demokratischer Systeme, auseinanderdriftende Gesellschaftsschichten, sich radikalisierende Bevölkerungsgruppen, Umweltkrisen und Krieg verhandelt.

Den speziell für das Festival verfassten Festvortrag mit dem poetischen Titel Vor der Tür saß mal der Zufall hielt Herta Müller. Die aus Rumänien gebürtige Autorin, deren autofiktionales Werk über das Leben in einer Diktatur im Jahr 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, lud ihr Publikum ein, vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse über das Wesen und die Wirkungsmacht von Sprache nachzudenken.

"Wenn Sie wissen wollen, wie das junge, moderne Russland denkt, lesen Sie Filipenko", urteilt die aus Belarus stammende Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Mit Sasha Filipenko war ein Autor zu Gast, der Unterdrückung und Verfolgung am eigenen Leib erfahren hat. Er sah sich gezwungen, seine Heimat zu verlassen, nachdem Präsident Alexander Lukaschenko persönlich Anstoß an seiner Kritik an den – im Debütroman Der ehemalige Sohn (2014) so treffend beschriebenen – Zuständen in Belarus genommen hatte. In Wien präsentierte er seinen jüngsten Roman Die Jagd (Diogenes, 2022). "Der Titel lässt sich auch mit Hetzjagd übersetzen, nicht nur Jagd, es geht um eine Art Menschen-Treibjagd" (Sasha Filipenko).

"I don't believe that war is beyond words" – Krieg ist der zentrale Gegenstand im Schreiben des US-amerikanischen Autors Phil Klay.
Im Rahmen des Festivals präsentierte er seinen 2021 bei Suhrkamp veröffentlichten Roman Den Sturm ernten erstmals in Europa – ein "hochbrisantes politisches, ja weltpolitisches" (SWR-Bestenliste) Werk über den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt in Kolumbien, der in den 1980er-Jahren einsetzt und im Jahr 2016 endet.

Er schrieb die Drehbücher für die mit allen wichtigen internationalen Filmpreisen ausgezeichnete "Todestrilogie": Amores Perros, 21 Gramm und Babel. In den letzten Jahren hat er sich als Autor kunstvoll gebauter Romane einen internationalen Namen gemacht: Die Rede ist vom mexikanischen Drehbuchautor und Schriftsteller Guillermo Arriaga. In Wien stellte er seinen Roman Das Feuer retten (Klett-Cotta, 2022) vor. Mit großem literarischen Furor zeichnet er darin ein Sittenbild der von sozialen Ungerechtigkeiten tief gespaltenen mexikanischen Gesellschaft.

Der ungarische Autor László Krasznahorkai, der im Jahr 2015 für seine visionäre literarische Kraft mit dem Man Booker International Preis ausgezeichnet wurde, hat mit Herscht 07769 (S. Fischer, 2021) eine facettenreiche und stellenweise aberwitzig absurde Dystopie vorgelegt. Der Roman, der in einem einzigen punktlosen Satz über 409 Seiten ein "brueghelhaftes thüringisches Kleinstadt-Panorama" (Die Zeit) auffächert, wird von der Kritik begeistert rezipiert, als "deutscher Roman des Jahres" (FAZ) gefeiert oder als "grandioses Sprachkunstwerk" (Süddeutsche). Krasznahorkai präsentierte seinen Roman im Rahmen des Festivals erstmals in Wien.

Max Czollek kuratierte den Lyrik-Schwerpunkt – ein Glücksfall für das Festival, denn der deutsche Autor und Publizist ist für seine kämpferischen Schriften bekannt. Desintegriert euch!, forderte er 2018 die Leser*innenschaft in seinem heiß diskutierten Manifest auf und tritt für eine radikal pluralistische Gesellschaft ein. Er ist aber auch selbst ein hervorragender Dichter und u. a. Mitglied des Lyrikkollektivs G13.
Max Czollek hat vier unverwechselbare und ganz unterschiedliche Stimmen ausgewählt: Aus Tel-Aviv kam Adi Keissar, die von der renommierten Tageszeitung Haaretz zur einflussreichsten israelischen Dichterin der Gegenwart gekürt wurde. Eingeladen waren auch der brasilianische Autor Ricardo Domeneck, die deutsche Dichterin kurdisch-jesidischer Herkunft Ronya Othman und die österreichische Autorin Barbara Juch.
Kontextualisiert wurden die Lyrikauftritte durch zwei Gespräche: Die österreichische Autorin Teresa Präauer – von ihr stammt auch das Festivalmotto – sprach mit Max Czollek bzw. Ronya Othmann / Ricardo Domeneck über politische Lyrik, Gegenwartsbewältigung und über nötige Veränderungen.

Auf Spoken Word folgte Wienerlied: Ernst Molden hat das Genre, dem schon immer ein gewisses subversives Potenzial innewohnte, mit seiner ganz eigenen Note sprichwörtlich aufgemischt: Die unterschiedlichsten Musikstile sind ihm eine Quelle der Inspiration und so nimmt er gern Anleihen für seine im Wiener Dialekt gesungenen Lieder – im Jahr 2017 erhielt er konsequenterweise einen Amadeus–Austrian Music Award in der Kategorie "Jazz / World / Blues".

Wie erkläre ich meinen Kindern die grölende Meute, die im Aufwind des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, Konföderiertenflaggen schwenkend, im Konvoi durch die Straßen zieht? Die sehr persönliche Antwort gibt der US-amerikanische Comic-Künstler Nate Powell, ein Meister seines Fachs, Ignatz- und Eisner-Award-Preisträger und als erster Comic-Künstler mit dem National Book Award ausgezeichnet. In seinem Graphic Novel Essay Save It for Later! führt er seinen Leser*innen die Notwendigkeit von zivilem Protest gegen Demagogie und Willkür bild- und wortstark vor Augen.

Mit Jennifer Daniel tritt eine weitere Comic-Künstlerin vor den Festivalvorhang. Erstmals stellt sie ihre Graphic Novel Das Gutachten öffentlich vor: eine zeichnerisch und literarisch höchst anspruchsvolle Geschichtsstunde über verdrängte Vergangenheit und die Radikalisierung der deutschen Studentenbewegung der 1960er-Jahre. Im Rahmen des Festivals sprach Daniel auch über ihre prämierte Diplomarbeit Earth Unplugged, die der Frage nachgeht, was wohl geschieht, wenn auf einmal weltweit der Stromstecker gezogen wird.

Das Romandebüt des britisch-ghanaischen Autors Caleb Azumah Nelson hat im letzten Jahr in Großbritannien hohe Wellen geschlagen und die Anliegen der Black Lives Matter Bewegung um eine literarische Facette bereichert. Freischwimmen erzählt von der aufkeimenden Liebe zwischen einem Fotografen und einer Tänzerin und man würde meinen, dass die Hautfarbe in der multikulturellen Metropole London im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielt – ein Irrtum, wie dieser brennend aktuelle Roman aufzeigt.

Ein ganz anderes, aber nicht minder wichtiges Thema spricht die texanische Autorin Deb Olin Unferth in ihrem zweiten Roman an. In dem hinreißend satirischen Buch Happy Green Family geht es um Tierschutz: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion werden knapp eine Million Hühner aus einer riesigen Legebatterie in der US-amerikanischen Provinz gerettet. Doch dann stellt sich die Frage, wohin mit ihnen...

Der Erich Fried Preis 2021, der im Rahmen des Festivals verliehen wurde, ging an den deutschen Autor Frank Witzel. Juror war dieses Jahr Ingo Schulze. Die beiden Schriftsteller haben für die Fried-Tage-Sondernummer der Zeitschrift kolik ein Gespräch über den Namenspatron des Festivals Erich Fried geführt. Sie erinnern sich an den Dichter, den sie noch persönlich gekannt hatten, und an seine politischen Zeitgedichte, die ihn zu einem der "bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker nach 1945" (Marcel Reich-Ranicki) machten.

Wer will / daß die Welt / so bleibt / wie sie ist / der will nicht / daß sie bleibt

Erich Fried hat dieses Gedicht zur Zeit des Wettrüstens der beiden Supermächte Sowjetunion und USA geschrieben. Heute würde dieser unverbesserliche Optimist wohl (in Abwandlung von Max Czolleks Manifest) den Menschen zurufen – Engagiert euch!

Einen ausführlichen Rückblick auf die Erich Fried Tage 2022 finden Sie auf der Festival-Webseite https://erichfriedtage.com/

(April 2022)


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