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Leseprobe: Robert Stähr - "Karte."

Am Morgen ertönt ein Gong. Kurz darauf versammeln sich alle Mönche zum Gebet im kleinen Saal. Der kleine Saal ist der zentrale Raum auch für Riten und Exerzitien. Seine Akustik ist von einem durch die Steinwände bedingten Nachhallen geprägt. Das kollektive, leicht rhythmische Flüstern der betenden Mönche scheint sich im kaum hörbaren Echo von den Wänden aufzufächern und gleichzeitig zu brechen. Die Glaubensbrüder tragen lange dunkle Kutten mit Seitentaschen und als Gürtel dienenden dicken Schnüren um die Taille. Jeder von ihnen hat eine Zelle als privaten Schlaf- und Arbeitsraum. Jede Zelle hat ein vergittertes Fenster und ist in dem Wohngebäude untergebracht, dessen Fassade sich von den übrigen Bauten auf dem Klosterareal durch seinen nüchternen Charakter unterscheidet. Fällt Sonnenlicht durchs Zellenfenster, wirft das Gitter seinen überdimensionalen Schatten auf Bett, Tisch und Kasten. Keine der Zellen mißt mehr als drei mal vier Meter, wenn auch ihre Grundflächen nicht exakt gleich groß sind. Die Ausstattung ist in allen Privaträumen gleich, nur die Position von Tisch, Stuhl und Kleiderschrank variiert; das Bett steht an der linken Wand. In diese kärgliche Umgebung ziehen die Mönche sich zurück, wenn sie nicht gemeinsam beten oder die Mahlzeiten zu sich nehmen. Andere gemeinschaftliche Verrichtungen kommen nur punktuell vor, einzelne Ordensmänner stehen freilich nach Gebet oder Essen noch in Gruppen beisammen, um verschiedene den klösterlichen Alltag, aber auch persönliche Angelegenheiten betreffende Themen zu besprechen. In der Privatheit ihrer Zellen führen manche von ihnen ein Tagebuch, in dem sie penibel die Stationen des immergleichen Tagesablaufs auf Oros protokollieren. Fast jedes dieser Protokolle gleicht den vorangegangenen aufs Haar, vor allem zeitlich unmittelbar aufeinanderfolgende sind bis auf einzelne Wörter identisch. Die Aufzeichnungen dienen der Selbstvergewisserung ihrer Verfasser durch wiederholtes schriftliches Festhalten des "Tagesrasters". Die strenge Reglementierung des Klosterlebens erfordert keine übergeordnete Kontrollinstanz; wie selbstverständlich funktioniert die Abfolge der Tätigkeiten und Ruhepausen, das Alternieren kollektiver Aktivitäten und des Rückzugs in die Zellen.

(S. 85f.)

© 2003, edition selene, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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