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Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde.

Kriminalroman.
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2005.
187 S., geb., Eur 17,90.
ISBN 3-85218-489-4.

Link zur Leseprobe

Marek Miert, Privatdetektiv und Ich-Erzähler, ist einsam: er isst zu viel, er trinkt zu viel; es fehlt ihm an Liebe, es fehlt ihm an Geld; seine Delogierung steht bevor.
Immerhin aber hat er seit langem wieder einen Auftrag: er soll die 12jährige Helene Kafka finden. Dazu ermittelt der bärbeißige Einzelgänger im White Trash Milieu von Harland, "eine[r] unbedeutende[n] Landeshauptstadt im Osten Österreichs" (S. 56). Wer dabei an St. Pölten denkt, liegt wohl nicht ganz falsch. Ganz abgesehen davon, dass das reale Harland ein Vorort der Stadt ist, finden sich in St. Pölten auch die im Roman erwähnten Straßen (Daniel-Gran-Straße, Herrenplatz etc).

In seinen Ermittlungen behindert wird Marek Miert von den yuppiehaften und skrupellosen Betreibern eines Detektivbüros, die ein Vermögen gemacht haben, indem sie "im Auftrag der Bauinnung halbverhungerten rumänischen Spenglern ohne Arbeitsbewilligung die Handschellen anlegten." (S. 94) Schwierig gestaltet sich für Miert auch die erzwungene Zusammenarbeit mit einem ehemaligen Vorgesetzten, einem Psychopathen im Polizeidienst. Den Tonangebern und Alphatieren, das wird im Roman bald deutlich, ist nur schwer beizukommen. Miert trickst sie aus, pinkelt ihnen ans Bein - ihre Pfründe aber kann er ihnen nicht entreißen. Den Luxus einer "guten" Seele leisten sich nur Außenseiter und Habenichtse, die - so wie Miert - zu den moralischen Siegern und realen Verlierern gehören. Dafür aber gibt's unter ihnen noch so etwas wie Solidarität. Und wenn die Wirklichkeit gar zu bedrückend wird, lässt es sich immer noch augenzwinkernd in Hollywoods Traumwelten flüchten: "Wir fuhren in den Sonnenuntergang und ich stellte mir, weil der Mensch ein bisschen Kitsch braucht, eine riesige Leinwand mit einem pompösen Hollywood-Abspann vor: THE END. Aber in Wirklichkeit war das erst der Anfang." (S. 187)

Des Öfteren wird im Roman mit Fiktion und Realität gespielt: etwa dann, wenn Miert die unrealistischen Handlungsverläufe so mancher (Fernseh)Krimis beklagt oder der Autor alte FPÖ-Wahlkampfparolen in den Text hineinnimmt. "Harland darf nicht Chicago werden" steht auf den blauen Plakaten der "Österreich-Bewegung", die mit einem Anti-AusländerInnen Wahlkampf um Stimmen buhlt. Am Telefon der fiktiven Partei sitzt eine gewisse Frau Hojac. Politisch interessierte LeserInnen wissen, dass hier auf den ehemaligen FPÖ Klubobmann Peter Westenthaler angespielt wird, der, bevor er sich seinen "deutschen" Nachnamen zulegte, ebenfalls Hojac hieß.

Miert betrachtet das politische Treiben in Österreich mit großer Skepsis. Ihn widern nicht nur die Begeisterung seiner Mitmenschen für die "Österreich-Bewegung" und die geltenden Asylgesetze an, auch den offiziellen Umgang der Republik mit der eigenen Geschichte findet er mehr als bedenklich:
"Die Direktorin der Wilhelm-Miklas-Hauptschule [...] saß [...] in einem Direktorenzimmer, das größer war als die Wohnung von zwei arbeitslosen Familien. Die Schule war nach einem Bundespräsidenten benannt, der Österreich in seiner Amtszeit in zwei Diktaturen rutschen gesehen und nichts dagegen unternommen hatte." (S. 89)

Miert ist ein genauer und gebildeter Beobachter, der mit amüsanten Anmerkungen zu unterhalten versteht. En passant gelingt es ihm auch, den Fall zu lösen. Dass der Krimiplot an sich nicht sonderlich aufregend ist und in seiner Engagiertheit manchmal hart am Klischee vorbeischrammt (Österreicher sind mehrheitlich Nazis; AusländerInnen sind Opfer und gut), sieht man dem Autor für seinen Witz, scharf beobachtete Details und gelungene Dialoge gerne nach.

 

Barbara Angelberger
14. Februar 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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