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Hans Henning Hahn und Jens Stüben (Hrsg.): Jüdische Autoren Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert.

Frankfurt / M. u. a.: Lang, 2000.
(Mitteleuropa - Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas. 1).
546 S., brosch.; EUR 65,40.
ISBN 3-631-34124-5.

Dieses Buch entstand aus einer Ringvorlesung in Oldenburg, das die Ergebnisse der "miteinander konkurrierenden Akkulturationsangeboten" (S. 16) bei den unbekannten Autoren des östlichen Europa und die besondere Rolle des osteuropäischen Judentums in zwanzig Beiträgen zu würdigen. Davon ist einer auf englisch über den fast unbekannten tschechischen Dichter jüdischer Herkunft Jirí Daniel, ein tragisches Opfer der Shoah, 1916-1945.
Die Herausgeber bedauern, daß kein Beitrag zur jiddischen Literatur vorliegt, ansonsten weist der Band eine große Reichhaltigkeit auf. Die Bandbreite reicht von der kurzen Milieustudie Wilma Iggers (Das jüdische literarische Milieu in Prag, S. 127-137), Michael Daxners Untersuchung der Faszination einer untergegangenen, an sich tragischen Welt für das heutige Deutschland, das "virtuelle Shtetl, das bloß in einer kollektiven Erinnerung weiterlebt" (S. 163) und einer Studie israelischer AutorInnen ostdeutscher und altösterreichischer Herkunft und wie problematisch die Hebräisierung für sie war (S. 485). Max Brod formulierte es so: "man könne als Schreibender nicht aus einer Sprache in die andere umsteigen wie aus einem Zug in den anderen" (S. 486). Wir wissen aus den Briefen Arnold Zweigs an Lion Feuchtwanger, wie sehr er unter der Hebräisierung gelitten hat, da er sich als fast Blinder außerstande sah, diese Sprache zu erlernen und nach Deutschland zurückkehrte, was ihm viele sehr übelnahmen.
Die sensible Studie Wolfgang Emmerichs untersucht die ?windschiefe? Rezeption von Celans ?Todesfuge? und ihrer Folgen (S. 361). Die "Todesfuge" wurde "binnen eines Jahrzehnts zum berühmtesten, meistzitierten und -interpretierten Gedicht des ganzen 20. Jahrhunderts" (S. 361). Dazu kam der ungerechtfertigte Plagiatsvorwurf von Claire Goll, zuerst 1953, dann massiver 1960, Celan habe Gedichte ihres Mannes Yvan Goll ausgebeutet (S. 368). Dieser Vorwurf ist nicht nur albern, er versperrt auch des Blick auf die Erkenntnis des spezifischen Traditionsbezugs Paul Celans in der "Todesfuge" (S. 369). Er hat dieses Gedicht nie zurückgenommen, sich aber auch nie aus der "negativen Symbiose" von Deutschtum und Judentum befreien können (S. 382). Und letzten Endes hat er den Plagiatsvorwurf nie ertragen können, er hatte wesentlich Anteil an der Verdüsterung seines Lebens bis hin zu seinem Selbstmord bei (S. 368).
Es ist sehr zu wünschen, daß diese Reihe fortgeführt wird.

 

Deborah Vietor-Engländer
13. Februar 2002

Erstveröffentlichung einer Kurzfassung in GERMANISTIK Jg. 41 (2000) Heft 3/4.

 

 

 

 

 

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