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Alexander Honold; Markus Joch (Hrsg.): Thomas Bernhard. Die Zurichtung des Menschen.

Würzburg: Königshausen & Neumann, 1999.
256 S., brosch.; öS 350.-.
ISBN 3-8260-1696-3.

Thomas Bernhard und kein Ende: Nicht nur die zwei Gedenkjahre 1999 (10. Todestag) und 2001 (70. Geburtstag) sind daran schuld, daß der umstrittenste Dichter der Zweiten Republik heute präsent ist wie nie zuvor. Den wesentlichen Anteil an dieser Popularität trägt Bernhards vielschichtiges und widersprüchliches Werk - ein Werk, das seit mehr als drei Jahrzehnten Anlaß zu mannigfaltigen Interpretationen und heftigen Auseinandersetzungen bei Wissenschaftlern, Künstlern und Lesern gibt.

Ein Beispiel für die Vielfältigkeit des Thomas Bernhard ist auch der vorliegende Band mit insgesamt 23 Interpretationen zu Leben und Werk. Das Buch entstand in Folge des internationalen Kongresses "Thomas Bernhard und die Weltliteratur", der im Rahmen der Thomas-Bernhard-Tage 1998 in Berlin abgehalten wurde, ist thematisch breit gestreut und daher durchaus auch als Einstieg in die Bernhard-Forschung geeignet. Apropos Einstieg: Dieser ist den Herausgebern mit dem Beitrag von Alfred Pfabigan äußerst gut gelungen. Denn der Wiener Philosophieprofessor räumt darin mit einigen gängigen Klischees der Bernhard-Rezeption gehörig auf und stellt sich damit gegen den "Bernhard-Konformismus". So verweist der Forscher auf die thematische Entwicklung in Bernhards Prosawerk und stellt die These, Bernhard habe immer nur "das eine Buch" geschrieben, in Frage. Auch an banalen psychoanalytischen Deutungen läßt Pfabigan kein gutes Haar: "Heute gehören psychoanalytische Erkenntnisse von jener Tiefe, wie sie zu Bernhard artikuliert werden, zur Folklore [...]. Wir haben derzeit kaum unverstelltes, authentisches Material für eine denkbare 'Analyse' des Thomas Bernhard." (S. 24) Pfabigan regt in seinem Aufsatz schließlich an, Bernhards Werke stets im Kontext seines Gesamtwerkes zu lesen, um darin "ein von langer Hand geplantes Literaturunternehmen" (S. 29) zu erkennen.

Doch nun zu den anderen Beiträgen des Buches. Diese könnten sowohl thematisch als auch was ihren Erkenntniswert betrifft nicht unterschiedlicher sein (was wohl der Natur eines derartigen Sammelbandes entspricht). Zu den Aufsätzen, die nicht gerade neue Welten des Bernhard'schen Werkes erschließen, zählt etwa Mireille Tabahs Analyse der Misogynie im Spätwerk "Auslöschung". Denn daß die Frauen in Bernhards Werken stets als "Projektionsfläche für all jene unheimlichen kreatürlichen Mächte [dienen], die ihre [der Männer] männliche Identität bedrohen" (S. 77), dürfte bekannt sein. Und daß daran auch die Frauenfigur Maria in der "Auslöschung" wenig bis nichts ändert, ebenso. Wenig Neues bringt etwa auch der Aufsatz Marcus V. Mazzaris über "schulische Erfahrungen bei Thomas Bernhard", in dem er das autobiografische Werk "Die Ursache" in eine Reihe von bekannten Werken der Weltliteratur - von dem "Törleß" Musils bis hin zu Günter Grass' "Katz und Maus" - stellt.

Doch es gibt auch genug Neuland zu entdecken. Etwa in Peter Kahrs Aufsatz zu der Erzählung "Der Hutmacher", die Bernhard 1968 im Deutschlandfunk las und die bis heute nur in dieser mündlichen Form bekannt ist. Kahr untersucht die Entwicklung von dieser Erzählung zur Erzählung "Der Wetterfleck" (1971) und ermöglicht dadurch erstaunliche Einblicke in die Textgenese des "Übertreibungskünstlers". Ebenfalls besonders lesenswert sind m.E. Stefan Krammers Überlegungen zu einer "Semiotik des Schweigens im dramatischen Werk Thomas Bernhards". Anhand des Stückes "Vor dem Ruhestand" stellt der Forscher die Bedeutung des Schweigens (das er mit Hart Nibbrig als "Schatten, den der Text wirft" beschreibt) in Bernhards Bühnenwerk überzeugend dar: Clara, die Schwester des Nazi-Gerichtspräsidenten Höller und seiner "Komplizin" Vera, hält durch ihr demonstratives Schweigen die dramatische Entwicklung im Gang.

Noch immer im Gang ist auch der wissenschaftliche Diskurs über Thomas Bernhard - und das in vielerlei Hinsicht. Das beweist der vorliegende Band mit seinen unterschiedliche Zugängen, unter denen wohl einige zu finden sind, die sich für Bernhard-Leser lohnen könnte.

Peter Stuiber
8. Mai 2001

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