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Leseprobe: Dimitré Dinev - "Ein Licht über dem Kopf."

Es geschah an einem Frühlingstag. Er saß auf einer Bank, rauchte und beobachtete, wie zwei Arbeiter die Straßenschilder auswechselten und wie aus Boulevard Lenin Boulevard König Boris III. wurde. Er beobachtete, wie die Vögel sich auf dem Boulevard niederließen und die Straßenköter sich hinlegten. Vögel und Hunde kümmerte es nicht, ob sie sich auf einem Boulevard namens Lenin oder König Boris eine Ruhepause gönnten. Ihn schon. Da begriff er zum ersten Mal, daß er weder wie die Vögel noch wie ein Hund leben wollte. Er begriff, daß man jeden Tag arbeitete und trotzdem am nächsten Tag ärmer als zuvor erwachte. So waren die Zeiten. Er hatte sie erkannt. Nichts war mehr so wie zuvor. Und wahrscheinlich war es auch nie anders gewesen. Von da an liebte er die Abwechslung.

Als erstes wechselte er seine Kleidung. Statt einem Sakko zog er eine Sportjacke, statt den Schuhen Sportschuhe an. Statt in die Lottostube zu gehen, ging er zur Bank einer benachbarten Stadt. Statt seinem Gesicht trug er eine Maske, statt einem Kugelschreiber eine Pistole. Statt dem Glück hinterherzuhinken, lief er ihm mit Geld in den Händen entgegen. Die Miliz befand sich gerade in Umwandlung, aus ihr sollte die Polizei werden. An dem Tag gab es weder einen Milizionär noch einen Polizisten in der Nähe der Bank. So waren die Zeiten. Wechselhaft. Ein Glück, daß er sie so früh erkannt hatte. So hatte alles begonnen. So war er ans Geld herangekommen. Ursprünglich wollte er mit diesem Geld im Ausland eine Operation für seine Tochter bezahlen. Oder einfach einen Stapel Geldscheine unter ihr kleines Füßchen schieben, damit sie gerade stehen konnte. Aber er fuhr nicht mehr nach Hause. Er war schon in die Abwechslung verliebt.

In Wirklichkeit hieß er Vassil Gelev und hatte in einer kleinen traurigen Stadt eine Frau und eine Tochter, der ein kleines Stapelchen Geld unter ihrem rechten Füßchen fehlte, um die Erde zu erreichen. Aber was ist schon die Wirklichkeit. War denn Stojan Wetrev, der drei Wechselstuben, zwei Leibwächter, einen Freund und keine Sorgen hatte, weniger wirklich? Nein. Denn nichts war wirklicher als die Veränderung. So dachte Stojan und war zufrieden. Er liebte die Zeiten, in denen er lebte. Die Frauen liebte er auch, denn sie waren für ihn wie die Zeiten. Sie wechselten oft ihre Meinungen und Stimmungen. Er hatte mal versucht, sie zu verstehen. Es war ihm aber nicht gelungen.

©2005, Deuticke Verlag, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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