Leseprobe: Günter Eichberger - "Nein."

Das Letzte vom Letzten

An schrecklichen Tagen mag er nichts schreiben. Aber heute ist's noch schlimmer. Und da geht dann das Schreiben so leicht von der Hand wie das Weinen. Ja, er sitzt da, da hier und weint. Obwohl ihm keine Träne auskommt.
Und er zittert, obwohl seine Hand ruhig ist wie die eines notorischen Abstinenzlers.

Wie eiskalt ist dies saure Rindfleisch. Und paßt wunderbar zu Scheiße. (Das andere Wort für Leben.) Und die Leberknödelsuppe läßt er jetzt boshaft kalt werden. "Geschieht mir schon recht, wenn die Suppe kalt wird."

Dann fällt ihm auf, daß man in dem gutbürgerlichen Gasthof, in dem er sich zum Essen zwingt, ein Wandbild ausgetauscht hat. Und sein Scheißherz hing doch so an besagtem Wandbild, weil es so rührend war. (Darauf zu sehen: Kinder, die in einem Ziehkarren - österreichisch für Leiterwagen - einen offensichtlich kranken Hund zum Viehdoktor - österreichisch für Tierarzt - karren.)

Hinter ihm flüstern Menschen.
Sie haben Intimes zu bereden.
Und das soll er nicht hören.
Aber er versteht jedes Wort.
Es sind höchst bedeutsame Nichtigkeiten über das mögliche Geschlechtsleben, das die beiden nicht ganz jungen Menschen unterschiedlichen Geschlechts führen möchten, obzwar sie anderweitig gebunden, wie man so treffend sagt.

(S. 91)

© 2006, Ritter Verlag, Klagenfurt, Wien.