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Leseprobe: Wolfgang Falch - Die Stadt in der Steppe

Die Katze tastete sich Schritt für Schritt vor. Der Geruch war nun dicht und schwer und süß. Es musste ein Mensch sein, der da lag. Die Katze kannte den Ruch überfahrener Hunde und den ihrer eigenen Artgenossen, wenn sie pfauchend und in die Luft beißend sich um sich selbst drehten, nachdem ihnen ein schneller Wagen das Becken zertrümmert und die Därme aus dem Bauch getrieben hatte. Diese Katzen lebten manchmal noch Stunden, in denen ihr Fell struppig wurde und ihre zerschmetterten Glieder über den Boden scharrten. Wenn sie starben, entblößten dünne Lippen scharfe spitze Zähne. Schon nach kurzer Zeit krabbelten dann die Käfer in die halb geöffneten Augen und die Rachen der Tiere. An solchen Kadavern hasteten die anderen Katzen scheu vorüber und berührten sie nicht.
Zwischen dichten Büscheln von Gras, im Schatten eines stacheligen Busches mit verdorrten Blättern, lag der dunkle Hügel eines Körpers. Die Katze näherte sich ihm vorsichtig. Der Mann trug einen Anzug und Krawatte, die über sein Gesicht gerutscht war und seinen geöffneten Mund halb verdeckte. Seine gerunzelte Stirn schien in einer Frage erstarrt zu sein. Seine geöffneten Augen waren schreckgeweitet. In ihren Pupillen spiegelte sich verzerrt das dunkle Gewölk des Busches neben dem Toten und der Himmel darüber. Sie verliehen dem Gesicht den Ausdruck eines erstickten Schreis. Die Katze beschnupperte den Hals des Mannes, der, klaffend geöffnet, bis auf die weiß-bläulichen Knorpel der Wirbel sehen ließ. Mit rauer Zunge begann das Tier zu lecken. Das Blut war noch warm und bildete eine große schwarz-rote Lache, aus der wie Inselchen kleine Steine ragten und auf dessen fast unberührtem Spiegel Insekten klebten, die sich in ihrem Todeskampf freizustrampeln versuchten. Doch die Insekten versanken in dem klebrig werdenden Blut und starben.
Dann kamen die Hunde. Aufgescheucht wischte die Katze ins Unterholz. Dort stand sie dann, sich langsam mit gesträubtem Fell zurückziehend, während ihre Zunge mechanisch über ihr Maul leckte.
Die Hunde zerrten die Därme aus dem aufgeschlitzten Bauch des Toten. Sie verteilten die Innereien knurrend über einen Gutteil des Hofes. Immer mehr Hunde erschienen in den umliegenden Büschen. Sie umlagerten den Leichnam, rissen seine Kleidung in Fetzen und wühlten sich mit ihren langen stumpfen Zähnen in sein Fleisch. Der Hof stank nun nach Scheiße und Blut. Grünlich schimmernde Fliegen kamen und umschwirrten die verstreuten Kadaverteile. Sie stoben sirrend hoch, wenn ein magerer Streuner nach ihnen schnappte. Die Sonne kochte, brodelte und blähte die Verwesungsgase in den Darmschlingen, die noch heil geblieben waren. Gegen Abend platzte unter einem Plopp ein Darmabschnitt, der in sich verschlungen einen großen Knäuel gebildet hatte. Dieses unerwartete Geräusch ließ die Hunde hochschrecken. In der um sich greifenden Hysterie bissen die Köter sich in den Flanken anderer Tiere fest und ein Lärmen und Wüten setzte ein, das selbst die mutigeren Katzen verjagte, die in Fensterhöhlen kauernd auf ihren Teil der Beute gewartet hatten.
Bei einbrechender Dunkelheit wurden die Überreste des Toten von Männern entdeckt, die von Süden her kommend mit ihrem Wagen vor einem Stück Darm angehalten hatten, das sich vor ihnen quer über die Rollbahn zog. Die Länge des Darmes erregte ihre Aufmerksamkeit und als sie wenige Meter weiter einen Fetzen Anzugstoff neben der Straße liegen sahen, wussten sie, dass sie sich nicht getäuscht hatten: Da musste irgendwo der Kadaver eines Menschen liegen. Sie hörten das wütende Gefecht der Hunde und folgten ihm. Als sie um die Ecke traten und den Hof teilweise überblicken konnten, verhielten die Köter in ihrem Kampf und jagten gehetzt davon, mit ihren braunen verblichenen Bäuchen das Gras streifend, die Ruten tief zwischen ihre Hinterläufe gezogen. Nur zwei große Bestien mit blutverschmierten Schnauzen blieben knurrend neben den Leichnam geduckt und hielten die Stellung. Die Männer kamen wenig später mit verrosteten Rohren wieder, die sie am Wegrand gefunden hatten. Sie prügelten damit einem der Hunde über den Rücken, sodass seine Wirbelsäule mit einem lauten dumpfen Knacken brach und der Hund winselnd versuchte, sich in die Büsche zu schleppen, wobei er seine lahmen Hinterbeine nachzog. Die Männer prügelten weiter auf ihn ein, bis er zusammenbrach und mit zuckenden Vorderläufen verendete. Der andere Hund war inzwischen davongehetzt, im Maul einen letzten aus dem Toten herausgewürgten Brocken Fleisch.

© 2010 Kyrene Verlag, Innsbruck

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