Leseprobe: Ulrike Schmitzer - Die falsche Witwe.

Er doziert noch eine Weile über seine Erfahrungen und fragt mich dann, wie es mit meiner Polarforschung vorangeht.
„Interessant finde ich das schon“, sagt Karl und legt eine Gedenkminute ein, bis ich endlich die gewünscht Reaktion zeige. Karl versucht immer, seinen Gesprächspartner zu manipulieren. Ich habe ihm das schon hundert Mal gesagt, und trotzdem spiele ich wieder mit.
„Was?“, sage ich genervt.
„Es ist schon interessant, dass ausgerechnet du dich mit Polarforschung beschäftigst. Aus der Zeitgeschichtsforschung gibt es da einige interessante neue Studien, wie sich die Verarbeitung des Traumas auf die zweite und dritte Generation auswirkt. Ach, da fällt mir ein, dass dazu noch eine Seminararbeit offen ist. Wenn man den Studenten nicht dauernd nachrennt, tun die doch überhaupt nichts.“
„Wie meinst du das? Was hat denn das mit meiner Polarforschung zu tun?“
„Schau“, sagt er. „Aber dass du da noch nicht draufgekommen bist, wundert mich. Aber die eigenen Probleme sieht man meist selbst am schlechtesten.“
„[…]aber was hat das mit mir zu tun?“
„Na, irgendwie hat sich bei dir die Ideologie, die in deiner Familie offenbar unausgesprochen da war, doch niedergeschlagen.“
„So ein Blödsinn!“, sage ich entrüstet. „So einen Blödsinn habe ich noch nie gehört.“
„Bitte, war nur ein Gedanke. Ich sag nicht, dass du eine Anhängerin des nordischen Kultes bist. Aber interessant find ich das schon. Schau, es gibt viele Nachfahren, die die Erfahrungen der Eltern mit sich herumtragen. Über die Kinder der Opfer weiß man mehr als über die Kinder der Täter, aber das wird jetzt schön langsam aufgearbeitet […]“

( S. 69/70)

© 2011, Edition Atelier, Wien.