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Leseprobe: Helmut Eisendle - "Dschungel der Liebe."

Was wird meine Zukunft sein? Ich weiß es nicht. Wenn eine Spinne sich von der Decke hinabstürzt, so sieht sie einen leeren Raum vor sich, in dem sie nirgends Fuß fassen kann, so sehr sie auch zappelt. So geht es mir oder dem Selbstmörder. Vor mir beständig ein leerer riesiger Raum, die Welt, in der ich nicht Fuß fassen kann. Ich habe kein Mitleid mit mir. Und keine Freude an dem, dem es besser geht. Das Leben ist so gründlich, so entsetzlich verdreht, daß es nicht zum Aushalten ist. Die Mischung von unbewußtem Denken und bewußtem Fühlen ist nicht oder noch nicht die Quelle der Macht, nur eine Komponente davon. Die Gesellschaft mit ihren Fabriken, ihren Hochhäusern, ihrer materiellen Solidarität ist stets unterhalb des Seins gegenwärtig. Sie ist so etwas wie ein riesiges Reservoir von Unbekanntem, Unbewußtem und Irrationalem in jedem Menschen, sodaß wir von jedem sagen können, sein bewußtes Erleben sei nur ein beständiger Lichtschimmer auf der Masse seiner Existenz. Außerdem besitzt der bewußte Teil der Gesellschaft eine geradezu panzerartige Festigkeit, die jeder Veränderung Widerstand leistet, selbst während unterhalb dieser Verallgemeinerung Veränderungen im Material, in der Technik und in den Einzelheiten des wirklichen Seins vor sich gehen. Das erzeugt in jedem Menschen eine Spannung, die als echte dynamische Kraft in der Gesellschaft wirkt, die Künstler hervorbringt, Dichter, Propheten, Verrückte, Neurotiker, Verliebte und all die Impulse und jähen vernunftlosen Gefühle, alle Freuden, Liebe und alle Schrecken, alles, was das Leben zu dem macht, was es ist; was den Künstler in Entzücken und den Neurotiker in Angst versetzt. Sie ist die Summe aller inneren Unruhe, die Ursache aller Revolten. Sie ist all das, was nicht mit dem gegenwärtigen Zustand zufrieden sein kann, was Liebende die Liebe überdrüssig werden läßt, was Kinder dazu treibt, aus ihrem glücklichen Elternhaus zu verschwinden, was Männer zwingt sich in offenbar nutzlosen Anstrengungen zu verzehren, was Krieg und Frieden erzeugt, Glück und Verzweiflung, Sehnsucht, Liebe und Angst. Die Quelle allen Glücks und allen Leids ist der Unterschied zwischen Sein und Bewußtsein. Mit irdisch und himmlisch hat das beigott nichts zu tun. Nichts. Nichts. (S. 33ff.)

© 1998, Sonderzahl, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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