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Leseprobe: Klaus Ebner - Dort und anderswo.

Kilometerlange Strände, Sommersonne, deutsche Urlauber am Ballermann und vielleicht noch die Kathedrale von Palma – ungefähr so präsentiert sich die balearische Insel Mallorca in den Katalogen der Reisebüros und, davon beeinflusst, in den Köpfen vieler Menschen. Auch mir ging es ursprünglich um einen Sommerurlaub, aber dann erwischten wir die wahrscheinlich einzige Woche in der Ferienzeit, die kühl und verregnet war. Daher ein kulturelles Alternativprogramm.
Den Anfang der Erkundungen markierte ein Aha-Erlebnis in der Hotellobby. Mit, zugegeben, nicht gerade bescheidenem Stolz auf meine Fremdsprachenkenntnisse sprach ich die Hotelangestellten an der Rezeption auf Katalanisch an. Niemand war erstaunt, nein, und alle erwiesen sich als freundlich und zuvorkommend – und ››korrigierten‹‹ mich auf Spanisch. Ein paar Minuten später hegte ich keinen Zweifel mehr: Das Personal beherrschte kein Wort Katalanisch und vertrat offensichtlich die Meinung, das, was ich Tourist von mir gab, sei ein verhunztes Kastilisch. Bevor mir die Luft gänzlich wegblieb, trat ich ins Freie und staunte im selben Augenblick über die Straßenbeschriftungen: Die waren nämlich allesamt katalanisch und zwar ausschließlich. Irgendwo in meinem Hinterkopf pochte die Erinnerung an einen Zeitungsartikel, in dem berichtet worden war, dass – neben Katalonien – auch auf den Balearen die Anbringung der ausschließlich katalanischen Straßebezeichnungen per Gesetz geregelt wurde. Lediglich die Menschen tanzen noch immer aus der Reihe. Besonders in den Sommermonaten gehen an Mallorcas Küsten Zehntausende spanische und lateinamerikanische Saisonniers ihrer Arbeit nach, in Hotels, Restaurants, Vergnügungsparks, Touristenshops, Diskotheken und natürlich am Strand. Dem Publikum ist es egal, denn es besteht in erster Linie aus Deutschen (von denen sich einige in der Folge gleich eine feste Bleibe fürs Rentenalter suchen).
Aus demografischer Sicht verdrängen Deutsche und spanische Fremdarbeiter im Sommer die einheimischen Mallorquiner auf den dritten Platz. […]
Mallorca besitzt eine lange Geschichte. Die frühesten Spuren menschlicher Besiedelung reichen über neuntausend Jahre zurück. Die Bevölkerung entwickelte sich langsam und linear bis etwa 1300 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.), als die Gesellschaft, wohl aufgrund der nun einsetzenden Invasionen, sich zunehmend militarisierte. Zahlreiche Waffenfunde und aus dieser Zeit stammende Stadtmauern geben ein archäologisches Zeugnis. Ins historische Licht trat die Insel freilich erst mit den Fahrten der Phönizier und Griechen, die ihre Hochkultur mitbrachten. Die Romanisierung begann im Jahr 123 v.u.Z. Innerhalb von nur zwei Jahren wurden die drei balearischen Inseln in die Römische Republik eingegliedert, die Gründungen von Palma im Süden und Alcúdia im Norden (antike Bezeichnung Pollentia, die noch im aktuellen Namen des Ortes Pollenca steckt) gehen darauf zurück. Sprache, Kultur, Religion, Rechtssystem und Verwaltung wurden übernommen. Mallorca stand im administrativen Verbund mit der hispanischen Provinz Tarraconense. Nach einem hundertjährigen Intermezzo der Zugehörigkeit zum Reich der Vandalen befand sich Mallorca in byzantinischem Besitz und wurde 903 von den Sarazenen erobert und von Al-Andalus mit seiner Hauptstadt Córdoba aus verwaltet. […] Eine neuerliche Wende kam 1229. In diesem Jahr eroberten die Katalanen Mallorca und verleibten es dem aufstrebenden katalanisch-aragonesischen Reich ein. Unter anderem endete damit das Korsarentum, das der katalanischen Wirtschaft schwer zugesetzt hatte. Von nun an gehörte die Insel dem christlichen Westeuropa an, und die in dreihundert Jahren entstandene Kultur wich nahezu vollständig der neuen, katalanischen. Die neuere Geschichte ist eng mit jener des katalansichen Kernlandes auf dem Kontinent verknüpft, bis hin zum Ende der Franco-Diktatur 1975 und dem inkrafttreten des balearischen Autonomiestatus 1983 (vier Jahre nach Katalonien).
Die besondere Haltung der Mallorquiner zu ihrer Sprache machte ein weiteres Erlebnis auf der Insel zu einer regelrechten Anekdote: Ein Tagesausflug führte uns nach Sant Elm, wo wir zu Mittag aßen. Als die Fischsuppe serviert wurde, fragte ich die Kellnerin (die nämlich keine Ferienarbeiterin zu sein schien), ob man hier Katalanisch spräche. Immerhin wird der Ort mit dem am weitesten im Westen liegenden Strand als einer der urtümlichsten gepriesen und besitzt tatsächlich nur wenige der modernen Hotelanlagen. Nein, gab sie zur Antwort, Katalanisch nicht; dies hier sei eine mallorquinische Gegend und sie sei Mallorquinerin. Mehrere Minuten lang unterhielten wir uns blendend, bis sie mich, bevor sie uns in Ruhe essen ließ, für meine exzellenten Mallorquinisch-Kennntisse lobte. Das hob mich nun endgültig vom Hocker – hatte ich doch tatsächlich keine Ahnung gehabt, fließend Mallorquinisch zu sprechen; schließlich hielt ich das Idiom, in dem wir hier parlierten, für astreines Katalanisch.

© 2011 Mitter Verlag, Wels.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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