Leseprobe: Philipp Traun - Bin gesund und guter Dinge.

„Erstens ja und zweitens nein“, antwortete die Frau. Das hatte Großvater auch schon gesagt, erstens ja und zweitens nein. Der blinde Blick der Frau bohrte sich in meine Stirn und sie antwortete weiter: „Das kennst du, oder? Du weißt, wovon ich spreche, du weißt, wovon du sprichst, du weißt, was du ahnst. Erstens ja und zweitens nein, das, was unter meiner Uhr seht“, und ich wusste plötzlich, was ich ahnte und mich bis jetzt nicht zu denken getraut hatte, doch ich schwieg. Ein kalter Wind zog plötzlich durch den Raum und die vielen Vogelköpfe wackelten an ihren Sprungfedern hin und her. Ich wusste jetzt auch, was mir die Briefe, was mir die Telefonate mit Rudolf und was mir Großvater mit seinem Schweigen sagen wollten. Das Feuer im Ofen loderte auf und der Schatten war wieder verschwunden. Und ich wusste, wovor sich Großvater selbst behüten wollte, denn ich war der einzige Mensch, den er beschützen und behalten wollte, und mit einem Mal waren alle Taue gekappt und nichts verband mich noch mit dieser Reise und mit diesem Großvater, mit meinem Vater und meinem Leben. Es war, als täte ich hier und jetzt meinen zweiten Atemzug, lang nach meinem ersten, damals, als Großvater schwer auf mir wurde und ich plötzlich gewusst hatte, dass mein Leben um zwei Menschen einsamer geworden war, und wie widersinnig war es doch, dass zwei Menschen weniger genauso schwer wogen wie ein Mensch mehr. Wie widersinnig war es, dass ein Mensch mehr genauso viel bedeutete wie ein zweiter Atemzug.

(S. 247, 248)

© 2012, Amalthea Signum Verlag, Wien.